Energie und Utopie

energieutopieHistorische Utopien und die Energiefrage

Wir brauchen keine weiteren Appelle für erneuerbare Energien und Energieeffizienz, um „in anderen Worten zu wiederholen, was schon oft gesagt worden ist“ (S. 8), so die berechtigte Überzeugung des Autors eines Buches, das den schlichten Titel „Energie und Utopie“ trägt. Johannes Schmidl unternimmt darin den Versuch, die „große utopische Tradition des abendländischen Denkens … mit der brennend aktuellen Energiefrage zu konfrontieren“ (ebd.) Der Autor beginnt mit zwei historischen Kapiteln zu Utopie und Energie. Er skizziert in nicht nur utopische Entwürfe etwa in Platons Politea, Thomas Morus´ Utopia, Bacons Neu-Atlantis, Campanellas Sonnenstaat oder die Realutopien der Frühsozialisten um Robert Owen, sondern auch die Bedeutung der Energienutzung für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt von Kulturen, von der Erfindung der Wassermühle in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende in der heutigen Türkei als „Befreierin der Sklavinnen von der Mahlfron“ (S. 65) über die ersten Windmühlen im Mittelalter bis herauf zur Nutzung der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas mit Beginn der industriellen Revolution.

Die Bedeutung des Energiesektors unterstreicht Schmidl mit einer Zahl: 18 Prozent des Weltbruttosozialprodukts entfallen heute auf den Energiesektor (S. 99). Die westlichen Konsumgesellschaften seien dank dieser Energierevolutionen dort angelangt, was frühere Utopien ausmalten: in der Verfügung über eine Fülle an Gütern. Doch sei ein großer Teil der Menschheit nach wie vor vom Zugang zu modernden Energiedienstleistungen ausgeschlossen: 1,3 Milliarden Menschen verfügen über keine Elektrizität, 2,3 Mrd. Menschen kochen und heizen weiterhin auf der Basis von Technologien niedrigster Effizienz (S. 102)

„Wenn man der Ansicht zuneigt, der reiche Teil der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern der Erde würde gegenwärtig quasi im einst ersehnten Utopia leben, dann findet man in den fossilen Energieträgern die entscheidende materielle Basis dafür.“ (S. 215)

Fossile Energie als Basis des verwirklichten Wohlstandsversprechens

Die Nutzung der fossilen Energieträger beschreibt Schmidl als materielle Basis des im reichen Teil der Welt verwirklichten Wohlstandsversprechens. Während die Verknappung der Ressourcen durch Preissignale angezeigt werden wird (wodurch Anpassung und zumindest eine Streckung der Frist möglich sei), würden die Folgen des Verbrennens der fossilen Energien, der menschengemachte Klimawandel, trotz aufgeregten Redens darüber letztlich negiert: „Wir wissen, dass die Erfüllung der Utopie das Leben zukünftiger Generationen bedroht, aber dieses Wissen scheint uns kaum in einer Form zu erreichen, dass wir daraus Taten ableiteten.“  (S. 219) Und jene, die in unserer Wahrnehmung die kausale Macht zu Veränderungen hätten, die „vielgeschmähten nationalen und multinationalen Weltkonzerne lassen wir gewähren, weil das, was sie tun, auf heimtückische Weise geschieht, um uns die Utopie zu erfüllen.“ (S. 219) Der Autor verweist damit auf die Ambivalenz utopischen Denkens, das in seiner materialistischen Ausprägung dazu angetan ist, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.

Sackgassenutopie Atomkraft

Dazu passt auch Schmidls Schilderung der Kernenergie in ihrer historischen Genese als großes „utopisches Versprechen“ (an das etwa Denker wie Ernst Bloch geglaubt haben), ein Versprechen, das freilich an der ernüchternden Realität gescheitert sei und zugleich über Jahrzehnte die Erforschung der Solarenergie sowie von Energieeffizienzpotenzialen hintangehalten habe. Der Autor warnt uns aber zugleich, den Erneuerbaren Energien nun dieses utopische Potenzial zuzuschreiben. Auch ihre Möglichkeiten seien begrenzt und auch sie hinterlassen Spuren: „Sie werden als Wasserkraftwerke, Windräder, Solaranlagen, Plantagen und als Transportsysteme und Übertragungsleitungen zwischen den Erzeugern, den Speichern und den Verbrauchern sichtbar sein und mehr als die fossilen Energieträger die Landschaft dominieren.“ (S. 245)

Zukunftsutopie “Solare Revolution”

Zwei Gefahren bedrohen – so Schmidls Conclusio – die Welt: das utopische Denken und der Verzicht darauf. Denn utopisches Denken habe durchaus die Welt verändert, in vielem zum Positiven. In ihrer materialistischen Variante gelange dieses nun aber an seine Grenzen. Maßhalteappelle müssten in jedem Fall berücksichtigen, dass eine Mindestmenge an materiellem Umsatz unverzichtbar ist und dass dieser seinen Preis hat. Die große Transformation hin zu erneuerbaren Energieträgern sei ein Projekt von ähnlicher Dimension wie die Neolithische oder die Industrielle Revolution. Allerdings könne sie entgegen diesen Vorbildern „nicht mit der Vermehrung gesellschaftlich verfügbarer Energiemenge locken, sondern nur damit, den gegebenen Wohlstand bestenfalls zu erhalten.“ (S. 344) Der wissenschaftliche Bezugspunkt sei nicht mehr die Geologie, sondern die Meteorologie.

Das Ziel der solaren Revolution sei nicht mehr, hochkonzentrierte fossile Energiequellen aus dem Unsichtbaren der Erdkruste großtechnologisch herbeizuschaffen und deren Endprodukte nach der Verbrennung in Atmosphäre und Ozean unsichtbar zu deponieren, „sondern verdünnte, schwankende solare Energieflüsse auf der Erdoberfläche für alle sichtbar, großflächig abzuernten“ (S. 244). Eine Utopie, die den Bezug zu Energie verändern und  postmaterielle Werten ins Zentrum rücken wird (s. Welzer/Sommer in d. PZ) . Ein Buch mit vielen Facetten, das freilich – allein wegen seines Umfangs – den LeserInnen – hohe Aufmerksamkeit abverlangt.

Der Autor wird am 12. März 2015 in der JBZ-Reihe „Zukunftsbuch“ zu Gast sein. http://jbzzukunftsbuch.wordpress.com

 

Schmidl, Johannes: Energie und Utopie. Wien: Sonderzahl, 2014.  400 S.  € 25,75 [D], 25,- [A], CHR 33,75 ISBN 978-385449-412-6

 

 

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