Neue Wege in der Bildungs- und Beschäftigungsförderung für Jugendliche

Die Biografie junger Menschen ist zunehmend von Unsicherheiten und Brüchen gekennzeichnet. Durch den Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft, die eine kontinuierliche und gesicherte Erwerbstätigkeit immer seltener bereitstellt, geraten Schule und betriebliche Ausbildung zunehmend unter Druck und Jugendliche in eine nicht selten existenzielle Krise. Wenn regelmäßige, Sinn stiftende Arbeit und angemessenes Einkommen Voraussetzung für Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Anerkennung sind, diese aber von den herkömmlichen (Aus-)Bildungsinstitutionen und Unternehmen nicht hinreichend zur Verfügung gestellt werden können, liegt es nahe, nach alternativen Konzepten der (Selbst-)Ermächtigung Ausschau zu halten. Dies umso mehr, als junge Menschen aus sozial benachteiligten Milieus von Arbeitslosigkeit überproportional betroffen und die herkömmlichen Instrumente der beruflichen Integration trotz hohen finanziellen Aufwands nicht die gewünschten Effekte erzielen: Während das BIP Österreichs zwischen 1992 und 2004 um 28 Prozent gestiegen ist, hat die Zahl der Arbeitslosen insgesamt um mehr als 50.000 zugenommen, was einer Steigerung von 42 Prozent entspricht. Die Jungendarbeitslosigkeit ist dabei mit einem Anstieg von 52 Prozent nochmals deutlich stärker gewachsen (vgl. S. 43). Wie die Autoren kritisch anmerken, sei damit „unübersehbar, dass die ständig steigenden Förderungsgelder im Bereich Bildungs- und Beschäftigungshilfen in keinerlei Weise das Problem des Lehrstellenmangels und der Jugendarbeitslosigkeit aufhalten oder gar verbessern konnten“ (S. 79).

Um hier gegenzusteuern, wird für eine Ausweitung von Angeboten in der Organisation von Beschäftigung vor allem durch die Bereitstellung sozialräumlicher Lern- und Beschäftigungsstrukturen plädiert. Professionelle Jugendarbeit könnte – so die Ergebnisse von insgesamt 13 qualitativen Interviews mit BetreuerInnen und Jugendlichen in Einrichtungen des „Vereins Wiener Jugendzentren“ – vor allem im lokalen Umfeld Impulse zur Integration in sozialökonomische Arbeitsprozesse leisten. Sozial Benachteiligte auf der Suche nach (permanent gefährdeten) Beschäftigungsverhältnissen nicht zusätzlich unter Druck zu setzen, sondern sie motivierend zu begleiten und sie „so früh und so umfassend wie möglich“ in die Gestaltung von (vor)beruflichen Tätigkeiten mit einzubinden, wird dabei als ebenso wichtig angesehen wie das Eingehen auf jeweils individuell unterschiedliche Stärken, Wünsche und Erwartungen, denn für viele Betroffene stellt es überhaupt einen Luxus dar, über (ihre) Zukunft nachdenken zu können“ (vgl. S. 111). Und noch eines wird dabei klar: Die Jugend gibt es nicht! Dennoch zeigt die Frage nach vorrangigen Erwartungen an einen „guten Arbeitsplatz“ breite Übereinstimmung und interessante Befunde. „Ein/e Chef/in, der/die nicht gleich schreit“, „gegenseitiger Respekt“, „kein Rassismus“ und „Anerkennung“ nehmen auf der Skala Spitzenpositionen ein.

Tätigkeitsbereiche, die aus der Sicht betroffener Jugendlicher Sinn machen, ihnen zugleich Lernmöglichkeiten und Handlungsoptionen eröffnen, hingegen gibt es viele: die Projektideen reichen vom Betreiben einer Fahrradwerkstatt mit angebundenem Kurierdienst, dem/der „Stadteilreporter/in“, von Kinderbetreuung und Tierpflege bis zum „Homeservice“, der Gründung einer „Eventbörse für leistbare Kultur“ und dem „fliegenden Handwerkerservice“ bis zum „Betreiben eines Jugendkulturzentrums von Jugendlichen für Jugendliche“ oder der „Inbetriebnahme eines aufgelassenen Würstelstandes“.

Wie auch immer das Projekt im Einzelnen aussieht: die Ermöglichung von Beschäftigung wird vor allem dann zur Steigerung der (Sozial)Kompetenz der Betroffenen beitragen, wenn sie bei deren Erfahrungen und Wünschen ansetzt und sie – unter Berücksichtigung von Rechten wie Pflichten – in die Umsetzung mit einbezieht.

Es wäre wohl alle Anstrengungen wert, die hier unterbreiteten Vorschläge verstärkt in der Praxis zu erproben und so Ergänzungen zu den offensichtlich nur mäßig erfolgreichen Institutionen zu schaffen, die sich um die Integration von Jugendlichen in sinnvolle und nachhaltige Arbeitsprozesse bemühen. W. Sp.

Oehme, Andreas; Beran, Christina M.; Kirsch, Richard: Neue Wege in der Bildungs- und Beschäftigungsförderung für Jugendliche. Hrsg. v. Verein Wiener Jugendzentren. Wien: Eigenverl., 2008. 174 S., € 12,10, sFr 21,20; ISBN 978-3-902014-09-2

(Bestellung: g.frisch@jugendzentren.at)

 

Related Posts

Das wahre Leben
Jugend.Stadt.Labor – Wie junge Menschen Stadt gestalten.
Von der Risikogesellschaft zur Chancengesellschaft
Eine neue Generation

Leave a Reply