Jenseits des Scheitelpunkts

„Peak Everything. Waking Up to the Century of Declines“ – so lautete der Titel des 2007 erschienenen, mit zahlreichen noch immer aktuellen Grafiken versehenen Bandes des Energieexperten Richard Heinberg, der am Post Carbon Institute in Santa Rosa (Kalifornien) lehrt. Der Autor vertritt darin die Auffassung, dass die Menschheit in Bezug auf die Bevölkerungsgröße und den Ressourcenverbrauch einen auf Dauer nicht haltbaren Gipfelpunkt erreicht habe und ihr Weg von nun an meistens abwärts führen werde – mindestens für die nächsten Jahrzehnte, bis sie gelernt hätte, mit den begrenzten Ressourcen der Erde zu leben. Die Weltwirtschaft würde von einer Phase des Wachstums in eine Phase der Schrumpfung eintreten, sobald Kohle, Öl und Erdgas nicht mehr billig verfügbar seien. Fünf Jahre später sieht sich der Autor in seinen Analysen bestätigt, wie er im Vorwort zur soeben erschienenen deutschen Ausgabe festhält: Sowohl die Weltwirtschaftsleistung als auch der Welthandel seien seit 2008 zurückgegangen. Und für China, dem derzeit fast einzigen Wachstumsmotor, prophezeit der Autor den Abschwung in spätestens zwei Jahrzehnten, wenn der Energiehunger durch heimische Kohle nicht mehr genügend befriedigt werden könne. „Die Lage beim Erdöl ist so ernst, dass sie eigentlich täglich Schlagzeilen machen sollte. Tatsächlich jedoch erregt sie kaum Aufmerksamkeit. Dies liegt daran, dass die fortdauernde und sich verschlimmernde Ölkrise von einer noch dramatischeren und offensichtlicheren Finanzkatastrophe überdeckt ist“, so Heinberg im Vorwort zur deutschen Ausgabe weiter. (S. 15) Ein Finanzsystem, das „auf schwindelerregenden Schulden und der doppelten Erwartung unendlichen Wirtschaftswachstums und absurd hoher Investitionserträge“ beruhe, könne nur funktionieren, „solange die Arbeit immer billiger wird und das Angebot an Energie und Rohstoffen ständig zunimmt.“ (S. 16) Bedingungen, die heute nicht mehr vorzufinden seien. Der Autor prognostiziert somit ein „Jahrhundert der Schrumpfung“: „Angesichts des erreichten Ölfördermaximums, des Klimawandels und der mit alarmierender Geschwindigkeit abnehmenden Ressourcen Frischwasser, Boden, Fisch und Minerale scheinen sich die computergestützten Szenarios der Studie Die Grenzen des Wachstums von 1972 voll und ganz und beängstigend zu bewahrheiten. Die Jahrzehnte der durch Verbrauch und Verschuldung getriebenen Expansion gehen zu Ende; es ist an der Zeit, die Rechnungen zu zahlen, den Gürtel enger zu schnallen und sich auf eine Zukunft wirtschaftlicher Schrumpfung vorzubereiten.“ (S. 20) Statt im 21. Jahrhundert die Aufwärtsbewegung fortzusetzen, an die wir uns alle so sehr gewöhnt haben, sei es uns leider bestimmt, „einen langwierigen Niedergang zu erleben, der immer wieder durch Momente der finanzwirtschaftlichen, politischen und geopolitischen Panik gekennzeichnet“ sein werde. (S. 21) Heinberg sieht aber im Versiegen der nicht nachwachsenden Rohstoffe auch eine Chance für eine andere Zivilisation, die an die Postwachstumsdebatten in Europa anknüpft und offensichtlich auch in den USA bereits geführt wird, wie der Verweis auf neue Maßzahlen für Wohlbefinden (s. Kasten) zeigt. Der Autor pointiert: „Schrumpfung von Bevölkerung und Verbrauch hört sich nicht gerade erfreulich an, aber eine Verbesserung des Bruttonationalglücks über mehrere Jahrzehnte, wie sie auch unter den heute gegebenen materiellen Umständen erreichbar wäre, wäre vermutlich für die meisten ein attraktiver Gedanke.“ (S. 24) Wollen wir es hoffen! H. H.

Heinberg, Richard: Jenseits des Scheitelpunkts. Aufbruch in das Jahrhundert der Ressourcenerschöpfung. Leipzig: Edition Sonderwege bei Manuscriptum , 2012. 228 S., € 19,90 [D], 20,50 [A] sFr 26,90

ISBN 978-3-937801-88-9

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