Befreiung vom Überfluss

Niko Paech gilt wohl als einer der profundesten, konsequentesten und radikalsten Vertreter eines an Bedeutung gewinnenden Ansatzes, der mit „Postwachstumsökonomie“ umschrieben wird (S. PZ 2011/3). In seiner Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“ hat der Vorsitzende der Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Attac-Berater und Inhaber eines „außerplanmäßigen Lehrstuhls für Produktion und Umwelt“ an der Universität Oldenburg seinen Ansatz einer Postwachstumswirtschaft und deren Begründung in kompakter Form vorgelegt. Gleich zu Beginn benennt Paech seine Grundüberzeugung: „Dieses Buch dient einem bescheidenen Zweck. Es soll den Abschied von einem Wohlstandsmodell erleichtern, das aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit unrettbar geworden ist.“ (S. 7) Der Autor geht dabei von der These aus, dass Versuche, die vielen materiellen Errungenschaften einer „Abfolge von Effizienzfortschritten oder anderweitiger menschlicher Schaffenskraft zuzuschreiben“, eine „Selbsttäuschung“ seien (S. 10).

Paech spricht von einer dreifachen Entgrenzung, auf der unser derzeitiger Wohlstand und Effizienzglaube basiere: der Entgrenzung von den eigenen körperlichen Fähigkeiten („mit Hilfe ganzer Heerscharen von Energiesklaven“), der Entgrenzung von den in unmittelbarer Reichweite vorhandenen Ressourcen („mittels globaler Wertschöpfungsketten“) und jener von den Möglichkeiten der Gegenwart („mit Hilfe von Verschuldung“, S. 57). Die vermeintliche Effizienz der industriellen Arbeitsteilung setze enorme physische Entgrenzungsvorgänge und eine Plünderung der Natur voraus: „Die Transkationen zwischen den zerlegten Produktionsstufen dehnen sich in alle Himmelsrichtungen aus. Infrastrukturen und Transporte nehmen zu.“ (S. 30) Das Wesensprinzip des Konsumierens bestehe daher darin, „sich die von anderen Menschen an anderen Orten geleistete Arbeit und insbesondere den materiellen Ertrag andernorts verbrauchter Ressourcen und Flächen zunutze zu machen“ (S. 37) Unser Wohlstand sei genau genommen weder „erarbeitet“ noch „verdient“ (S. 36). Die moderne Produktion ähnle vielmehr „einem Verstärker, der ein minimales menschliches Signal in eine donnernde Symphonie von Energie- und Materialumwandlung übersetzt“ (S. 46). Diese „monströse Delegationsmaschinerie“ führe jedoch zu einem „Bequemlichkeitsfortschritt“, zu einer „Bequemokratie“, in der „die Drecksarbeit“ auf andere abgewälzt wird.

 

„Fremdversorgungsyndrom“

Das „Fremdversorgungsyndrom“ (S. 64) habe auch die Geldabhängigkeit, genau genommen die „Schuldgeldabhängigkeit“ erhöht, da Wachstum immer mehr über Schulden finanziert würde. Genauso wie ein Heroinabhängiger wider besseres Wissen den Dealer schütze, steige beim Geldabhängigen „mit zunehmendem Konsumniveau die panische Angst davor, dass die geldspeiende Wachstumsmaschine auch nur ins Stocken gerate könnte“ (S. 66). Dieser Sachzwang beherrsche den Manövrierspielraum nachhaltiger Entwicklung: „Sie steht immer unter dem Vorbehalt, das geldbasierte Wohlstandsmodell nicht anzutasten“ (ebd.).

Paech warnt daher vor dem Glauben an Ökoeffizienz, da diese in der Regel zu weiterem Ressourcenverbrauch an anderer Stelle führe („Reboundeffekte“). „Grünes Wachstum“ habe Tücken, da auch „grüne Technologien“ Ressourcen verbrauchen wie etwa Elektroautos, Photovoltaikanlagen oder Wärmedämmungen, die irgendwann auch entsorgt werden müssen. Der Autor spricht hier von „Nebenwirkungen innovativer Entkopplungslösungen“ (S. 78) Kritik übt er auch an der „Objektorientierung“ des Nachhaltigkeitsdiskurses, wenn dieser von „ökologischen Produkten“ spricht. Denn nachhaltig könnten allein Lebensstile sein, nie Produkte oder Dienstleistungen. Und „Greenwashing“ von Unternehmen oder auch von Konsumenten sei da nicht weit. „Die Strahlkraft nachhaltiger Konsumsymbolik soll das weniger nachhaltige Andere, welches vom selben Individuum  praktiziert wird, kaschieren oder kompensieren.“ (S. 98) Nachhaltigkeitsbemühungen, die sich an der „Subjektorientierung“ vorbeischummeln, seien daher nicht nur überflüssig, sondern schädlich: „Sie reproduzieren die Schizophrenie einer Gesellschaft, deren Nachhaltigkeitsziele nie lauter bekundet wurden und deren Lebenspraktiken sich nie weiter davon entfernt haben.“ (S. 101)

 

Möglicher Ausweg

Wo sieht der Autor nun den Ausweg? Allgemein gesagt: In der „Rückkehr zur Sesshaftigkeit und zum menschlichen Maß“ (S. 56). Im Detail wäre dies eine Wirtschaft, die sich wieder auf die Region konzentriert, also eine „Ökonomie der Nähe“ (S. 114f), die auf mehreren Prinzipien basiert: Transparenz („Produktnachfrager“ sind dabei zugleich die „Kapitalgeber“ ihrer Produzenten), Empathie (durch „soziale Einbettung der Ökonomie“), Interessenskongruenz (hohe Zinsansprüche würden ja höhere Preise bedeuten) sowie Verwendungskontrolle (lokales Kapital als Förderer ihrer eigenen ethischen Orientierung).

Der industrielle Komplex in einer de-globalisierten Ökonomie würde zurückgebaut, neue Unternehmensformen sowie regionale Währungen sollten sich ausbreiten, zudem würde der Bereich des Selbermachens, der Eigenarbeit und Selbstversorgung, ausgebaut. Die Verlängerung der Nutzungsdauer, Gemeinschaftsnutzung sowie Eigenproduktion würden eine radikale Verringerung der Ressourcenflüsse ermöglichen, Instandhalter, Reparaturdienstleister, Renovierer,  Umgestalter und Ökodesigner als wichtige neue Unternehmen etabliert.

Paech skizziert eine Postwachstumsökonomie, in der die bisherige Norm von 40 Erwerbsarbeitsstunden aufgeteilt würde auf 20 Stunden Arbeit im monetären und weitere 20 Stunden im entkommerzialisierten Bereich. Die Einbindung in die globale Ökonomie würde auf eine Restkategorie reduziert: „Unternehmensformen, die durch ihre institutionelle Struktur, räumliche Nähe und überschaubare Größe so entwickelt werden können, dass sie sich nicht an maximaler Rendite, sondern an unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung orientieren, sind mit globaler Verflechtung kaum vereinbar.“ (S. 118)

Als flankierende Maßnahmen fordert Paech über Finanztransaktionssteuern hinaus die Umsetzung der „Vollgeld-Konzeption“, also die „Beendigung jeglicher Bankengeldschöpfung“ und die „Wie-derherstellung des staatlichen Vorrechts“ auf die „schuldenfreie In-Umlauf-Bringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben“, die Förderung von Regionalwährungen sowie eine Bodenreform, die Bodennutzer als Pächter, nicht Eigentümer betrachtet! (S. 135) Nicht zuletzt müsste der Erziehungs- und Bildungssektor „entrümpelt“ werden. Denn in den begüterten Mittelschichtfamilien, erst recht in allen Bildungseinrichtungen „trainieren wir jungen Menschen Praktiken des Überflusses und einer globalen Mobilität an, die ökologisch ruinöser sind als alles, was vorherige Generationen sich jemals erlauben konnten“ (S. 138). Notwendig sei die Verankerung einer Nachhaltigkeitsbildung als „Pflichtfach“ (ebd.).

Schließlich setzt Paech auf die Ausbreitung eines neuen Verständnisses von Wohlstand: „Wer sich elegant eines ausufernden Konsum- und Mobilitätsballastes entledigt, ist davor geschützt, im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung orientierungslos zu werden.“ (S. 129) Die „Kunst der Reduktion“ bedeute somit auch Angstfreiheit, die auf Peak Oil und die nächsten Finanzkrisen gelassener zugehen lasse. Denn, so ein Schlussgedanke des Autors: „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.“ (S. 130) Resümee:  Ein kurzweilig zu lesendes Buch, dessen Tragweite womöglich erst erkannt wird, wenn sich weitere Krisen einstellen. H. H.

Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.

München: ökom, 2012. 155 S., € 14,95 [D] 15,40 [A], sFr 20,90 ; ISBN 978-3-86581-181-3

 

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