Geteilte Arbeit und ganzer Mensch

Arbeitsteilung und Spezialisierung waren für die Herausbildung der Marktgesellschaft von grundlegender Bedeutung. Welche Folgen und Wechselwirkungen sich daraus für die betroffenen Menschen ergeben, war Thema einer Fachtagung der Evangelischen Akademie, auf die die vorliegenden Beiträge zurückgehen.

Ein kurzen Rundgang durch die Dogmen- und Realgeschichte der Arbeitsteilung macht zunächst deren Ambivalenz als Quelle des Wohlstands wie auch der Verelendung sichtbar. Die Herausgeber weisen in ihrem Eingangsstatement darauf hin, dass es gilt, „die Dynamik der Arbeitsteilung durch eine entsprechende Ausgestaltung der institutionellen Arrangements so zu beeinflussen, dass sie mehr neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet, als sie zerstört“ (S. 14f.). Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass spezialisierte Tätigkeiten (einzelne Arbeitsschritte) in den Unternehmungen erst durch ihre Zusammenführung zu vollständigen Arbeitsprodukten marktfähige Güter werden. Darüber hinaus ist neben der traditionellen ökonomischen Perspektive der ganze Mensch mit all seinen Motiven, Potenzialen und seiner Persönlichkeit in die Analyse einzubeziehen. „Es reicht nicht aus, dass die Marktgesellschaft Freiheit für die besonders Tüchtigen, im Wirtschaftsleben Erfolgreichen in der Phase ihres Erfolgs verspricht. Kindheit, Jugend, Alter, aber auch Gelegenheiten zur Neuorientierung in anderen Lebensphasen sind ebenfalls Elemente einer solchen umfassenden Freiheit.“ (S. 20)

In den einzelnen Beiträgen werden schließlich verschiedene Aspekte der Arbeitsteilung angesprochen, wenn etwa die Ökonomin Gisela Kubon-Gilke vom psychologischen Vakuum spricht, das durch die „main-stream-Ökonomik“ ausgelöst wird, oder der Volkswirtschaftler Kurt W. Rothschild  davon ausgeht, dass eine hohe Beschäftigung nicht als automatisches Ergebnis „freier“ Märkte erwartet werden kann, sondern ständige wirtschaftspolitische Aufmerksamkeit erfordert. Knut Gerlach, Professor für Politische Wirtschaftslehre und Arbeitsökonomie (Hannover) prognostiziert wachsende Spannungen in der qualifikatorischen Lohnstruktur in Deutschland, da die Nachfrage nach Höherqualifizierten weiter zunehmen wird. Von einer noch weiter steigenden Bedeutung der Erwerbsarbeit spricht, Ilona Ostner, weil die Unsicherheit der Erwerbs- und Einkommensperspektiven in einem immer weniger kollektiv regulierten Arbeitsmarkt eine Verringerung der Arbeitszeit zunehmend zu einer riskanten Entscheidung werden lässt. Schließlich denkt der Sozialforscher Eckart Hildebrand (WZB) über Wohlstandsformen nach, die sich zunehmend auch durch zeitliche und finanzielle Freiheitsgrade definieren und sowohl die betriebliche als auch außerbetriebliche Arbeitsteilung berücksichtigen.

Zweifellos können die Beiträge dieses Bandes unseren Blick auf die menschliche Seite der Arbeitsteilung und deren Einfluss auf die Produktivität schärfen. In Zeiten der Zurückdrängung des Sozialstaats ein wichtiger Diskussionsbeitrag. A. A.

Geteilte Arbeit und ganzer Mensch. Perspektiven der Arbeitsgesellschaft. Hrsg. v. Hans G. Nutzinger … Frankfurt/M. (u. a.): Campus-Verl., 2000. 243 S., DM / sFr 48,- / öS 374, 50

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