Gestern ist heute

Robert Jungk und Heinz Haber im DisputEs ist das historische Verdienst von Wolfram Huncke, dass er die von ihm als Redakteur von „bild der wissenschaft“ in den Jahren 1983-1985 geführten Gespräche zwischen Heinz Haber und Robert Jungk posthum zugänglich gemacht hat. Der Band „Gestern ist heute“, erschienen 2011 im Hirzel-Verlag, spiegelt ein Stück Wissenschaftsgeschichte wieder. Haber und Jungk waren Freunde, auch wenn ihre Anschauungen weit auseinanderliegen. So verteidigt Haber den Wissenschaftsbetrieb und macht sich eher Sorgen, dass sein Gegenüber als Aufwiegler oder Kommunist verleumdet oder abgestempelt wird, was dessen Ansehen und auch der Sache schade, während der andere sich sorgt um die Zukunft des Planeten und der Menschheit. Beide begegnen sich sehr freundlich, und doch trennt sie Welten. Haber gibt sich pragmatisch und setzt auf die Lösungskraft der industriellen Technik, Jungk spricht vom drohenden Untergang der Menschheit und einer sanften Technik von unten. Haber warnt vor Panikmache und unreflektiertem Druck von der Straße, Jungk davor, dass es ohne diesen Druck zu spät für Veränderungen sein könnte. An einem Beispiel: Haber führt im Gespräch einmal an, dass der Mensch kein „ideales Wesen“ sei, sondern „immer nach seinem eigenen Vorteil“ suche, was auch für die Wissenschaft gelte. Jungk setzt dem “die vielen jungen Leute“ entgegen, „die Ideen haben und etwas Neues anfangen wollen“, nur nicht gehört würden (S. 73). Der Dritte, Wolfram Huncke, versucht in den Gesprächen zu vermitteln, Brücken zu schlagen. So bleiben die Aufzeichnungen als wichtiges historisches Dokument, das zeigt, wie herkömmliche Wissenschaft und Technik seit Beginn der 1970er-Jahre durch die Bürgerbewegungen unter Legitimationsdruck geraten ist — was ja auch ein Grund dafür war, „bild der wissenschaft“einem breiteren Publikum zu öffnen. So ist es beinahe eine Ironie der Geschichte, dass die beiden befreundet blieben trotz ihrer Gegensätze, was auch deren Biografien verdeutlichen. Beide waren in den 1950-Jahren in die USA gegangen. Haber als junger Physiker, um an der Popularisierung der Atomenergie zu arbeiten — er war u. a. Verantwortlich für die Walt Disney-Produktion „Mein Freund, das Atom“; Jungk als junger Journalist, um eben vor deren Gefahren zu warnen. Hans Holzinger

 

Jungk, Robert: Gestern ist heute. Heinz Haber und Robert Jungk im Disput um die Zukunft. Hrsg. v. Wolfram Huncke. Stuttgart: Hirzel, 2011. 119 S.

Related Posts

Was tun, wenn Patient Erde fiebert?
Unangepasste „Bekenner“
Sonne statt Atom
Projekt Zukunft

Leave a Reply