Transnationale soziale Ungleichheit

Vertiefend dargestellt werden die globalen Fragmentierungsprozesse in dem von Beck gemeinsam mit Angelika Poferl herausgegebenen Band „Große Armut, großer Reichtum“, der sich eine „kosmopolitische Soziologie sozialer Ungleichheiten“ (S. 18) zum Ziel gesetzt hat. Dieser gehe es nicht um die „Feiertagsrhetorik einer kosmopolitischen Weltverbrüderung“, sondern darum, „in Alltag, Politik und Wissenschaft die Aufmerksamkeit zu schärfen für die entgrenzte soziale und politische Explosivität wachsender Ungleichheiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (S. 19). Versammelt werden internationale, mehrheitlich bereits anderswo erschienene Beiträge unterschiedlichen Datums zu insgesamt sechs Abschnitten – von theoretischen Grundlegungen über „Weltsystemkonzepte“ (u. a. mit einem Beitrag von Immanuel Wallerstein) und „transnationale Räume und Klassen“ bis hin zu Exklusionsaspekten durch „Arbeit, Armut, Migration, Geschlecht“ sowie schließlich zwei ausblickenden Abschnitten zur „transnationalen Staatsbürgerschaft“ sowie zu „Globalen Gerechtigkeitskonzepten“ (u. a. mit einem Aufsatz von Amartya Sen, um noch einen klingenden Namen zu nennen).

In unserem Zusammenhang von Interesse ist etwa der Versuch, eine „transnationale Klasse des Kapitals“ zu fassen zu kriegen. Diese weise mittlerweile über die klassischen Kapitalisten hinaus, so Leslie Sklair, der vier Gruppen nennt: 1. das Führungspersonal der transnationalen Unternehmen („die die Wirtschaft repräsentierende Gruppe“), 2. global ausgerichtete Bürokraten und Politiker („die den Staat repräsentierende Gruppe“), 3. global ausgerichtete Fachleute („die für das Expertenwissen zuständige Gruppe“), 4. Geschäftsleute und Medien („die für den Konsumismus zuständige Gruppe“, S. 273).

Mehrere Beiträge zeigen auf, dass der Großteil des Welthandels sowie der Kapitalinvestitionen nach wie vor zwischen den hoch entwickelten Staaten der „Triade“ – Nordamerika, Europa und Ostasien – abgewickelt werden. Nur wenig profitieren die Entwicklungsländer von der Globalisierung. Selbst klassische Industrietätigkeiten würden, so etwa Robert Hunter Wade, nur bedingt in Niedriglohnländer ausgelagert, da die Arbeitskosten in hoch automatisierten Montageprozessen nur mehr zehn oder weniger Prozent an den Gesamtkosten ausmachten, die Lohnstückkosten aufgrund niedrigerer Produktivität in Entwicklungsländern meist nicht niedriger seien als in hoch industrialisierten Ländern. Das Fazit des Experten: „Das absolute Einkommensgefälle zwischen dem Westen und der übrigen Welt wird größer, was auch für relativ schnell wachsende Länder wie China und Indien gilt, und wird sich in den nächsten fünfzig Jahren wahrscheinlich weiter vergrößern.“(S. 431) Hans Holzinger

Bei Amazon kaufen

Große Armut, großer Reichtum. Zur Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Hrsg. v. Ulrich Beck u. a. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2010. 694 S., € 18,- [D], 18,50 [A], sFr 30,60 ISBN 978-3-518-12614-1

Related Posts

Perspektive-wechseln-Jahrbuch
Perspektive wechseln
Tage der Utopie
Zukunftsalmanach-Geschichten vom guten Umgang mit der Welt
FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2017/18
Bericht über die menschliche Entwicklung 2002

Leave a Reply