Gemeinschaftsdefizit?

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Amitai Etzioni, einer der führenden Kommunitaristen, sieht die Situation der Europäischen Integration durchaus differenziert. In seinem Buch „Vom Empire zur Gemeinschaft“ grenzt er sich (neben langen Auseinandersetzungen mit der Außenpolitik der USA) klar von Auffassungen wie jener von Jürgen Habermas ab. Während Habermas um eine Demokratisierung bzw. eine demokratische Verrechtlichung ringt, hält Etzioni die Vergemeinschaftung für entscheidend. Dass ich die beiden Theorien nicht einfach verbinden lassen, legen beide Autoren klar. Habermas will, seine Forderung, den Aufbau der Europäischen Union nicht nur in direkter demokratischer Legitimation durch die einzelnen Bürger, sondern auch durch die Bürger als Angehörige von Nationalstaaten zu gestalten, auf keinen Fall als „kommunitaristisches Entgleisen“ (Habermas, S. 72) verstanden wissen und erklärt dies im Detail. Etzioni wiederum macht „libertäres“ Denken für die Krise der Europäischen Union verantwortlich (Etzioni, S. 273). Etzioni hält auch – ohne Habermas zu nennen – die Konzentration auf die Demokratisierung der EU für einen Fehler. „Viele von denen, sie sich mit der Entwicklung der Europäischen Union befassen, konzentrieren sich auf das sogenannte Demokratiedefizit. … Es gibt allerdings noch ein ganz anderes Defizit, das nicht so häufig untersucht wird, und das ist das Gemeinschaftsdefizit. Ohne starke Bindungen zwischen den EU-Mitgliedern und starke Loyalitäten gegenüber der EU haben die Europäer wenig Bereitschaft gezeigt, größere Opfer von der Art zu bringen, wie sie Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft füreinander bringen. … Damit das Demokratiedefizit verringert werden kann, muss das Gemeinschaftsdefizit abgebaut werden.“ (S. 277)

Zurzeit befinde sich die Europäische Union zwischen zwei Stufen der übernationalen Zusammenarbeit. Sie stelle mehr als ein zwischenstaatliches Bündnis aber weniger als eine supranationale Einheit dar. Etzioni sagt, dass dies zum Scheitern der Europäischen Union führen werde. „Nach meiner Vorhersage wird das Experiment EU zeigen, dass es unmöglich ist, zwischen zwei Stufen stehenzubleiben. Man muss sich entweder auf eine höhere oder eine niedrigere Stufe der Integration begeben, und ein höherer Integrationsgrad bedeutet Supranationalität.“ (Etzioni, S. 276) Stefan Wally

Bei Amazon kaufenEtzioni, Amitai: Vom Empire zur Gemeinschaft. Ein neuer Entwurf der Internationalen Beziehungen. Frankfurt: S. Fischer, 2011. 362 S., € 22,95 [D], 23,60 [A], sFr 40,10 ; ISBN 978-3-10-017024-8

 

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