Mensch, Affe und warum uns das Böse fasziniert

Wie kommt ein österreichischer Biologe und Wissenschaftstheoretiker mit dem von ihm aus der Evolutionswissenschaft abgeleiteten “angeborenen” Bösen im Menschen zurecht? Wuketits stellt schon im Vorwort zu diesem Buch sein Menschenbild klar “…Daher wird jemand, der den Mensch als Ebenbild Gottes sieht, ethische Fragen anders beantworten als jemand, der – so wie ich – in der Konsequenz des Evolutionsdenkens im Menschen einen arrivierten Affen erblickt.

Aber das Dilemma einer Ethik, die im Abstrakten verhaftet bleibt und deren Vertreter zu wissen glauben, wie der Mensch handeln soll – ohne zu berücksichtigen, wie er seiner Natur nach überhaupt handeln kann – besteht darin, daß sie zwar manchen Idealisten zu befriedigen vermag, ansonsten aber wirkungslos bleibt. (…) Die meisten Menschen sind nun einmal nicht in der Lage oder willens, abstrakte Normen, Gebote und Verbote zu befolgen” (S. 9). Moralische Prinzipien würden dann akzeptiert, “…wenn diese mit biologisch bestimmten Verhaltensweisen übereinstimmen…” (ebd.). Der Autor bemüht sich, wie andere Soziobiologen und Vertreter einer evolutionären Ethik auch, im “Willen zum Guten” und dem Ausdehnen von entsprechenden sozialen Instinkten eine “moralische Höherentwicklung” zu erklären und gleichzeitig zu hinterfragen. Daß gemeinschaftsbezogene Verhaltensweisen in kleinen Lebenseinheiten eher realisierbar sind und für ihn ein “… ‘globales Moralsystem’ nach wie vor so gut wie unmöglich erscheint” (S. 236), hindert ihn nicht, die Fiktion eines Moralsystems in ferner Zukunft aufrechtzuerhalten. Einstweilen müßten wir mit einer “begrenzten Moralfähigkeit” rechnen, die Erklärungsmuster für die herrschende Doppelmoral liefert.

Daß diese und weitere Postulate von Biologismusfanatikern und Populisten zu verhängnisvoll gefährlichen Rechtfertigungssystemen uminterpretiert werden können, machen diese Behauptungen so problematisch. Ob die Distanzierung des Autors von möglichen Mißbräuchen ausreicht, ist eine weitere Frage.

M.Rei.
Wuketits, Franz M.: Warum uns das Böse fasziniert. Stuttgart (u. a.): Hirzel, 1999. 276 S., DM / sFr 38,- / öS 277,-

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