Die Physik auf der Suche nach der Weltformel

Das Verlangen nach Einheit ist unzweifelhaft ein Grundbedürfnis des denkenden Menschen. Bis in die Gegenwart ist dieses Streben die Triebfeder der Wissenschaft, ihre Forschungsanstrengungen weiter zu betreiben. Dabei befindet sie sich in einem Widerspruch: Einerseits ist sie auf der Suche nach der Formel, die alles auf den Punkt bringt, andererseits zerfällt sie selbst in immer mehr Teildisziplinen, sodaß sie als Gesamtheit kaum noch überschaubar ist. Davon ist auch die Physik nicht ausgeschlossen; und ungeachtet der Tatsache, daß schon die Idee der Vereinheitlichung problematisch ist und viele Philosophen Kritik am „Einheitsmythos“ (S.12) übten, ist die Physik bei ihrer Suche nach der großen Weltformel besonders erfolgreich; so gibt es hier zahlreiche einheitliche Verfahren und Gesetze.

Der Physiker Etienne Klein und der Astrophysiker Marc Lachieze-Rey zeigen in einem Streifzug durch die Geschichte, daß der Einheitsgedanke alle großen Philosophen und Physiker beschäftigt hat, seit der griechische Philosoph Thales von Milet vor zweieinhalbtausend Jahren das Wasser als den Urstoff allen Seins ansah. Die Entstehung der Physik war schließlich nichts anderes als eine „Ansammlung von Vereinheitlichungen“ (S. 77), wie zum Beispiel die Verschmelzung der Astronomie mit der Physik. Vor allem durch die Wechselwirkungen ist die Physik der Einheit einen großen Schritt nähergekommen: Alle mikroskopischen Phänomene werden heute auf Wechselwirkungen zwischen Teilchen zurückgeführt, worin vielfach der Schlüssel zur Einheit gesehen wird.

Die Annahme, man befinde sich bereits auf den sicheren Weg zur Vereinheitlichung, hat bereits in der Vergangenheit mehrfach Stimmen laut werden lassen, die das baldige Ende der theoretischen Physik verkündeten. Auch knapp vor der Jahrtausendwende glaubt man vor der großen Vereinheitlichung der vier Wechselwirkungen – Gravitation, Elektromagnetismus, „starke“ und „schwache“ nukleare Wechselwirkung – zu stehen und damit einer „Theorie von allem“ (S.192) auf der Spur zu sein. Die beiden Autoren nennen die Vision von einem baldigen Ende der Physik durch das Finden der Weltformel eine „eingebildete Schwangerschaft“: „Die Wissenschaft ist ein Prozeß, der ein statisches oder endgültiges Bild der Dinge seiner Natur nach verbietet“ (S.193).

Durch viele Beispiele gelingt es den beiden Autoren, auch dem physikalischen Laien die Idee und Suche nach der Einheit in diesem naturwissenschaftlichen Zweig nahezubringen. Letztendlich kommen sie zu der Erkenntnis, daß das erklärte Ziel der „großen Vereinheitlichung“ auch in Zukunft Utopie bleiben und so Anstoß zu weiteren Forschungen sein wird.

C.H.

Klein, Etienne; Lachieze-Rey, Marc. Die Entwirrung des Universums. Physiker auf der Suche nach der Weltformel. Stuttgart: Klett-Cotta, 1999. DM 39,80 / sFr 37,- / öS 291,-

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