Von der Entthronung der Physik zur Wissenschaft des Lebens

Die atemberaubende Geschichte einer neuen Sicht des Lebens, des radikalen Wandels unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes im Verlauf der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts und zugleich die Aufbereitung der Grundlagen für eine Neugestaltung der soziokulturellen Beziehungen an der Schwelle des dritten Jahrtausends ist Gegenstand dieses Buches. Fritjof Capra setzt mit diesem monumentalen Titel, in dessen Bann man von der ersten Seite an gerät, die in seinem Bestseller “Wendezeit” (1983) bereits skizzierte systemische Sicht des Lebens fort. Er vertieft und erweitert sein Thema aber derart, daß hier zugleich eine Chronologie und erstmals auch eine Synthese jener faszinierenden Erkenntnisse vorliegt, die dazu angetan sind, den die (Natur)Wissenschaft zentral bewegenden Diskurs um den Gegensatz von Substanz und Form, von Geist und Materie zu überwinden – womit nicht weniger als die Entthronung der Physik postuliert und nachgewiesen wird. “Heute”, so Fritjof Capra, “beginnt sich eine Theorie lebender Systeme abzuzeichnen, die sich im philosophischen Rahmen der Tiefenpsychologie bewegt, sich einer geeigneten mathematischen Sprache bedient und ein nichtmechanistisches, postkartesianisches Verständnis des Lebens vermittelt.” In Form eines (nichtlinearen) Netzwerkes ist es (1.) autopoietisch (d. h. selbstbegrenzt, selbsterzeugend und selbsterhaltend) organisiert, (2.) von dissipativer Struktur (wodurch sich, fern vom thermischen Gleichgewicht aus Phasen der Unordnung immer wieder neue Formen von größerer Komplexität entwickeln) und (3.) eingebunden in einen permanenten Erkenntnisprozeß, die Kognition. Selbstredend kann an dieser Stelle dieses ebenso komplexe wie faszinierende “Phänomen Leben”, das „am Rande des Chaos angesiedelt, offensichtlich geistvoll und intelligent ist, ohne daß ihm ein (von außen zukommender Plan oder Zweck) unterstellt werden muß”, nur ansatzweise skizziert werden: Die Tour d’horizont, auf die Capra als kundiger Lotse seine Leser einlädt, nimmt bei der Darstellung des kulturellen Kontexts dieses Paradigmenwechsels seinen Anfang und führt von der Erörterung der Ursprünge des Systemdenkens über die eingehende Beschreibung verschiedener Modelle der Selbstorganisation (I. Prigogine, H. Maturana/F. Varela und G. Bateson u. a. m.) sowie der Mathematik der Komplexität zu einer detailreichen Abhandlung über die auf  diese Erkenntnisse gegründete Theorie über Entwicklung und Wesen des Lebens selbst. Ein Abriß der Evolution und Überlegungen zu der dem Menschen vorbehaltenen “Erkenntnis, daß wir erkennen”, führen Capra zu einem optimistisch gestimmten Epilog, in dem er die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Perspektiven einer dem Leben, und damit den Prinzipien der Erhaltung, Kooperation, Qualität und Partnerschaft verpflichteten Zukunftsgestaltung andeutet. Die Grundlagen dafür in einer der Komplexität des Themas jederzeit gerecht werdenden und zugleich allgemeinverständlichen Sprache gelegt zu haben, ist eine weitere, nicht hoch genug zu veranschlagende Begabung, die den Autor wie kaum einen anderen auszeichnet. Zusammengenommen: ein Glücksfall! W Sp.

Capra, Fritjof: Lebensnetz. Von der Entthronung der Physik zur Wissenschaft des Lebens. Bern (u.s.): Scherz-Verl., 1996.380 S.

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