Von der Kraft der Furcht

Der bekannte Biologe und Theologe Altner versucht in diesem Buch, “die christliche Tradition … am Nachdenken über die Überlebenskrise neu zu beteiligen”. Er beginnt mit Analysen der Ursachen der aktuellen Krise und macht die seit der Aufklärung in Schwung gekommenen Rationalität, die alles auf Berechnung und Herstellung abstellt, als zentralen Grund für viele Fehlentwicklungen aus. Um aus diesem in der westlichen Gesellschaft schon tief eingeschliffenen falschen Bewußtsein herauszukommen, plädiert Altner für die Wiederentdeckung der Furcht als Handlungsmotiv. Furcht – das wird anhand zahlreicher biblischer, philosophischer, literarischer, wissenschaftlicher, aber auch indianischer Texte belegt – war immer schon Teil der Befindlichkeit menschlicher Existenz; alle Versuche, sie zu verdrängen, verschieben die Probleme letztlich nur anderswohin. Als fruchtbarer erweist sich, die Furcht mit Albert Schweitzer als” Ehrfurcht vor dem Leben” zu aktualisieren. Deren Umsetzung in einem neuen, gleichberechtigten Miteinander von Prognose, Utopie und Planung erläutert Altner am Aktionsfeld Energiepolitik vor dem Hintergrund des Klimaproblems und zeigt dabei, wie Furcht einerseits auf Einsicht drängt, andererseits aber auch entwaffnet und so das lebensrettende Moment der Störung in erstarrte wirtschaftliche und machtpolitische Strukturen bringen kann. Zuletzt weitet Altner seine Überlegungen um die transzendentale Dimension, die er anhand der alttestamentarischen “Furcht des Herrn”, der Evolutionstheologie Teilhard de Chardins und des Kreuzesereignisses darstellt. Wahrhaftigkeit, Erdverantwortung, “haben, als hätte man nicht” sind die Haltungen, die wir für das Überleben brauchen. – Altner leistet mit diesem kleinen, aber sehr dichten Buch einen wichtigen Beitrag zur Bewußtmachung der anthropologischen Bedingungen und Möglichkeiten, die aus der rationalistisch-technoiden, materialistisch-ökonomischen Sackgasse führen könnten. W R.

Altner, Günter: Über Leben. Von der Kraft der Furcht. Düsseldorf: Patmos-Verl. 1992. 172 S. (Wendepunkte) DM 28,80 / sFr 24,40/ öS 224,60

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