Wege aus der Globalisierungsfalle

Wie wirken sich Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung auf Familie, Arbeitswelt und soziale Bürgergesellschaft aus? Wenn die bekannten Folgen schon nicht abgewendet werden können, so sollten sie doch gemildert werden. Zunehmend beschäftigen sich damit nicht nur oppositionelle Kräfte, sondern auch den Regierenden nahestehende Experten (in Österreich z.B. der ÖVP-Vordenker Andreas Khol).

Der Autor, freier Journalist, war ehemals im politischen Planungsstab der deutschen Regierungspartei CDU und später leitender Beamter im Bonner Ministerium für Jugend. Familie, Frauen und Gesundheit.

Für ihn steht fest “Die globale Wirtschaft ist überall und nirgends zu Hause. Es wird deshalb darauf ankommen, das Gefühl der Zugehörigkeit und Legitimität an anderen Orten und mit anderen Mitteln neu aufzubauen und in besonderen Gemeinschaften zu verwurzeln, ohne die größeren Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten aus den Augen zu verlieren. Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung führen zu einer Aufwertung der lokalen Gemeinschaften, der lokalen Wirtschaft, der lokalen Gesellschaft und der lokalen Politik, und daraus sind die politischen Konsequenzen zu ziehen. Sie sind in dem Buch als (Ordnungs-)Politik für den Dritten Sektor beschrieben. Es ist kein Zufall, daß die Ideen der Kommunitarier gegen Ende des 20. Jahrhunderts über alle politischen, nationalen und ideologischen Grenzen hinweg Anklang finden. Sie lassen sich interpretieren als Antwort auf die Globalisierung, so wie sich die Idee einer sozialen und nationalen Demokratie als Antwort auf das Industriezeitalter verstehen läßt.” (S.308) Eine “nachhaltige Demokratie” erfordere die Reform des Wohlfahrtsstaates als ein republikanisches Projekt – Demokratie von der Basis her. Viele der hier beschriebenen Modelle hat Dettling der Gemeinwesenarbeit in den USA (A. Etzioni u.a.) entlehnt und sie europäisierend mit Ideen aus dem Non-for-Profit-Bereich, wie “vom Ehrenamt zum bürgerschaftlichen Engagement”, angereichert. Damit sollte wenn schon nicht materielle, so wenigstens soziale Gleichheit der Bürger angestrebt werden. Im “Dritten Sektor” würde eine ”Bürgerarbeit zur Ergänzung von Erwerbsarbeit” die Unzulänglichkeit staatlicher Beschäftigungspolitik kompensieren. Wächst aber unter dem Druck von Flexibilisierung und Mobilität nicht auch die Kluft zwischen überlasteten Vollerwerbstätigen – die gezwungen sind, gemeinschaftliche Sorgepflichten und -freuden abzuwälzen und den wechselnden Dienstleistungskollektiven? Damit würden aber gerade die restlichen Grundlagen von – familiärer – Gemeinschaft weiter ausgehöhlt. Somit bleiben diese an sich konstruktiven Modelle nur ein weiterer Reparaturversuch auf der Basis einer gemeinschaftszerstörenden Politik- und Wirtschaftsstruktur.

M.Rei. 

Dettling, Warnfried: Wirtschaftskummerland? Wege aus der Globalisierungsfalle. Kindler: München, 1998, 335S., DM 39,90 I sFr 37,- l öS 291,-

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