Von vielen politisch oder sozial Engagierten wird die Stärkung der Zivilgesellschaft als Allheilmittel gegen die Verwerfungen in der sozialen Welt angesehen, während in den Politik- und Sozialwissenschaften die skeptischen Einschätzungen zunehmen, ob der Begriff überhaupt noch irgendetwas zu bezeichnen vermag. Der Soziologe Frank Adloff bringt mit seiner Einführung in die Genese und Diskurse zur Zivilgesellschaft etwas mehr Klarheit. Als gemeinhin anerkannte Beschreibung nennt er die „plurale Gesamtheit der öffentlichen Assoziationen, Vereinigungen und Zusammenkünfte [...], die auf dem freiwilligen Zusammenhandeln der Bürger und Bürgerinnen beruhen.“ (S. 8) Unabhängigkeit von einem staatlichen Apparat und von wirtschaftlichen Profitinteressen, ausgerichtet auf Öffentlichkeit und damit abgegrenzt von der Privatsphäre, schließlich zivile Verhaltensstandards wie Toleranz, Verständigung, Gewaltfreiheit und Gemeinsinn macht der Autor als weitere gemeinsame Merkmale von Zivilgesellschaft aus. Er verweist auch auf ein „utopisches Moment“ des Zivilgesellschaftskonzepts: „das selbstregierte demokratische Zusammenleben“ (ebd.).

 

Adloff skizziert unterschiedliche Theorien der Zivilgesellschaft „von der Antike bis zur Neuzeit“, darunter jene von Antonio Gramsci, Hannah Arendt sowie den Kommunitariern. Er schildert das Verhältnis von ziviler Gesellschaft, Staat und Gewalt sowie die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland aus historischer Perspektive und weist dabei u. a. auf den Tatbestand hin, dass auch die Machtergreifung der nationalsozialistischen Bewegung auf zivilen Vereinskadern bei gleichzeitig schwachen politischen Institutionen beruhte. Ausführungen über das Verhältnis von Non-Profit-Sektor, Zivilgesellschaft und Staat, Sozialkapital und bürgerschaftlichem Engagement folgen Exkurse über die neuen Sozialen Bewegungen seit den 1970er-Jahren mit ihrem anwaltschaftlichen Engagement sowie den aktuellen Diskursen über eine europäische Zivilgesellschaft.

 

Deutlich wird, dass Staat und Zivilgesellschaft nicht nur in einem produktiven Wechselverhältnis stehen, sondern dass die zivile Gesellschaft immer auch auf einen funktionierenden Rechtsstaat und den Schutz der Meinungs-, Presse- und Vereinigungsfreiheit angewiesen ist. Adloff plädiert schließlich in Anlehnung an Arendt und Habermas für eine politische Fassung von Zivilgesellschaft, in der das „öffentliche Gespräch unter Bürgern“ und die „politische Durchdringung der Gesellschaft“ thematisiert wird. Er grenzt sich damit ab etwa vom Sozialkapitalansatz des US-Soziologen Robert Putnam, der einer „Gemeinschaftsstärkung bei gleichzeitigem Rückbau wohlfahrtsstaatlicher Programme“ der Konservativen in den USA das Wort redete. H. H.

 

Adloff, Frank: Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis. Frankfurt/M.: Campus, 2005. 170 S. ISBN 3-593-37398-X € 14,90 [D], € 15,40 [A], sFr 26,10