Der Titel dieses Bandes klingt dramatisch – so als müssten damit die Verkaufszahlen gesteigert werden. Doch der Autor, Moderator des ZDF-Wirtschaftsmagazins WISO, das jeden Montagabend Millionen ZuschauerInnen vor den Bildschirm lockt, weiß natürlich, wie man Aufmerksamkeit und damit Menschen erreicht. Und dies sei nötiger denn je, ist Opoczynski überzeugt, der eine tiefe Spaltung der deutschen Gesellschaft konstatiert. Das einzige, was alle verbinde, sei dass „sich kaum einer in die Situation des anderen einfühlen kann. Man ist sich fremd und steht sich verständnislos gegenüber.“ (S. 10). So beginnt der Autor mit einer Reportage über Menschen unterschiedlicher Betroffenheitslagen – der erfolgreiche Absolvent der European Business School steht dem seit Jahren vergeblich einen Ausbildungsplatz suchenden jugendlichen Hauptschulabgänger mit Migrationshintergrund gegenüber, der 55-jährige Harzt-IV-Empfänger, der nebenher alte Fernsehgeräte repariert, dem ebenfalls 55-jährigen Besitzer einer gut gehenden Apotheke, „der sich überlegt, ob er in diesem Winter erst auf die Seychellen zum Tauchen und dann zum Skifahren fährt oder umgekehrt?“ (S. 9) Anders als in den Aufbaujahrzehnten nach 1945 sei nun – dies eine zentrale These des Buches – der Zusammenhalt verloren gegangen. Ungleichheiten wurden damals zwar auch wahrgenommen, aber sie störten niemanden, da es allen immer besser ging: „Alle standen gemeinsam in einem Fahrstuhl, der nur nach oben fuhr. Heute sehen sich die Menschen in einem Paternoster, bei dem einige zwar nach oben fahren, aber andere ebenso schnell nach unten.“ (S. 12)

 

Opoczynski spricht von der „Drei-Drittel-Gesellschaft“ mit einem oberen Drittel, das gesicherte Chancen und Lebensperspektiven hat, einer „Mitte, in der die Verunsicherung angekommen ist“ und einem unteren Bereich, in dem große Unzufriedenheit und immer mehr auch soziale Abkopplung herrscht (neues Unterschichtphänomen). In mehreren Kapiteln beschreibt er die sich vollziehenden Veränderungen – im Bereich der Arbeits- und Unternehmenswelt, der weltökonomischen wie der demografischen Verschiebungen oder der Bildung. Wer hinten bleibt, wird schnell zum Verlierer. Die Schere geht bei den Einkommen und mehr noch bei den Vermögen auseinander. Das reichste Zehntel der deutschen Bevölkerung verfügt mittlerweile über fast die Hälfte des Vermögens, was – dies zeigt eine von Opoczynski zitierte Studie – im System des Zinses eingeschrieben ist: „Wenn man erst einmal ein Vermögen von einer bestimmten Größe erreicht hat – erarbeitet kann man wohl kaum sagen, denn durch eigene Arbeit ist noch niemand zu den Spitzenplätzen des Wohlstands aufgestiegen –, ist die Wahrscheinlichkeit, noch reicher zu werden, deutlich größer als die Chance, einen Teil seines Vermögens wieder zu verlieren.“ (S. 28)

 

Zukunftswege sieht der Autor in einer „sozialen Leistungsgesellschaft“, die laut der Umfrage „Perspektive Deutschland“, an der auch das ZDF beteiligt war, von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung gewünscht wird. Diese verbindet den Leistungsgedanken mit sozialem Engagement. Leistung zeige sich dabei nicht nur im Beruf und in lebenslangem Lernen, sondern auch in „Gemeinsinn und Nächstenliebe“, in besserer Achtung auf die eigene Gesundheit sowie insbesondere in der Bereitschaft, Reichtum zu teilen. Drei Viertel der Bevölkerung wünsche sich, so die zitierte Umfrage, eine Verringerung der sozialen Unterschiede, die Politik sei aufgefordert, das bestehende Spannungsverhältnis zwischen Leistungsdenken und sozialem Auftrag „mit innovativen Ideen“ aufzulösen. Wie dies gehen könnte, lässt das Buch aber weitgehend offen. Da der Alltag der kommende Erwachsenengeneration von den großen vier „Us“ bestimmt werde – Ungleichgewicht, Ungewissheit, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit –, prognostiziert Opoczynski eine neue Verantwortlichkeit, die sich ausbreiten werde und auch politische Mündigkeit enthalte: „Weg von Brot und Spielen, hin zum gesellschaftlichen Diskurs.“ (S. 262). Wollen wir hoffen, dass der Fernsehaufklärer Recht behalten wird! H. H.

 

Opoczynski, Michael: Wunderland ist abgebrannt. Wie wir noch zu retten sind. München: Droemer Verl., 2007. 269 S. € 16,90 [D], 17,40 [A], sFr 28,- ISNB 978-3-426-27417-0