Wie werden wir künftig lieben, lernen, arbeiten, kämpfen, glauben und sterben? Wird uns die Arbeit ausgehen, der Dritte Weltkrieg ausbrechen, die Religionen verblassen oder der Tod endgültig besiegt? Werden wir dümmer oder klüger, reicher oder ärmer, romantischer oder rationeller? Wie werden wir unser Liebesglück finden und wie wird sich überhaupt der Mensch im 22. Jahrhundert fortpflanzen? Wir können die Zukunft zwar nicht vorhersagen, doch Zukunft ist für den wohl bekanntesten Trendforscher im deutschen Sprachraum „das Ergebnis einer Verhandlung, in der wir zumindest Sitz und Stimme haben sollten“ (S. 17). Auch der „neue“ Horx ist nicht zu haben für „Opfergeschichten“, „Schwarzmalerei“ oder „Kassandrarufe“. Für ihn gibt es in Zukunft viele Optionen, die überwiegend positiv getönt, zwar nicht rosa gefärbt, aber auch nicht schwarz gezeichnet werden. Es gilt das „Und-Prinzip“ - Globalität und Regionalität, Beschleunigung und Verlangsamung, Individualisierung und Universalisierung.

 

In diesem „Buch über die Kultur der Zukunft“ sucht Horx zu eruieren, „wie sich Zukunft anfühlt“. Ganz bewusst stellt er den Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Technologie, die er „als Produkt des Menschlichen betrachtet, als Ausdruck letztlich sozialer menschlicher Wünsche, Kränkungen und Fantasien“ (S. 14). Ganz in der Tradition des Wissenschaftsjournalismus hat Horx in zahlreichen Wissensgebieten wie der Neurobiologie ebenso wie in der Kognitionswissenschaft oder Genetik recherchiert und neueste Forschungsergebnisse aus diversen Fachgebieten berücksichtigt.

 

Erzählt wird die Geschichte von zwei Kindern, die im Jahr 2000 geboren wurden. In einer Mischung aus Sachbuch und Science-Fiction begibt sich der Leser auf eine Reise in die globale Wissensgesellschaft, die von echten Individualisten bevölkert wird, deren Lebens- und Liebesglück darin besteht, im Dienste des Ego permanent zu optimieren, zu selektieren und zu kompensieren. Die „Meta-Evolution“ als nächste Stufe der menschlichen Geschichte ist die Rekombination der Besten. Schon bald – so ein Blick auf die Arbeitswelt von morgen – werden hunderttausende Europäer mit so genannten Gigaplanes in die asiatischen Megapolen pendeln, um ihre Arbeitskraft billig anzubieten. Die Trennung von Arbeit und Freizeit gehört dann der Vergangenheit an. Auch werde es keinen Wettstreit mehr geben, in dem alle dieselben Fähigkeiten anstreben und der Bessere den „Posten“ bekommt, vielmehr solle jeder seine Andersartigkeit trainieren und ausprägen. Alles rankt sich um das Individuum der Kernqualifikation, meint Horx: „Nein sagen, Scheitern lernen, Neu anfangen, das eigene Maß finden“.

 

Mit Blick auf den „Wohlstand“ bevorzugt der Leiter des Zukunftsinstituts das „Starnberger Modell“, das von einer Ökonomie des Stilvollen Verarmens (Buchtitel von Alexander von Schönburg) und einer gewissen Verweigerung und Philosophie des Weniger ausgeht. Er hält auch nichts von der Polarisierung von Arm und Reich: „Vor zwanzig Jahren hatten 20 Prozent der Weltbevölkerung nur einen Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung, heute sind es nur noch 5 Prozent.“ (S. 182) Deshalb glaubt er, dass materieller Wohlstand im Laufe dieses Jahrhunderts ein globales Mehrheitsmodell wird (vgl. S. 189). Die bedeutendsten sozio-ökonomischen Trends des 21. Jahrhunderts seien 1.) der Abschied vom linearen Mehr in den postindustriellen Ländern und gegenläufig dazu 2.) „der Aufstieg der Milliarden Armen in den Kontext einer Konsumwelt, in der Waren und Güter unaufhörlich billiger, verfügbarer werden, in der die Hebelwirkungen transnationaler Ökonomien nun auch den Milliarden Habenichtsen zur Verfügung stehen“ (S. 191).

 

Für die Partnerschaft der Zukunft prägt Horx den Begriff  „co-evolutionär“. Die Rede ist von virtuellen Partnern (von Avatars), die sich je nach Stimmung modifizieren lassen. Klar, in einer solchen Zukunft werden unsere Nachkommen in der Petrischale gezeugt, damit sich das optimal-optimierte Genmaterial entsprechend entwickeln kann.

 

Ist die hier geschilderte „Ego-Gesellschaft“ der Zukunft nicht doch eine Sackgasse? Wie sagt der Autor selbst, „Überleben durch Wandel sei besser als Untergehen mit Prinzip“. Dass der Wandel hin zum „egomanen“ Menschen, der noch mehr als heute wirtschaftsoptimiert sein soll, wünschenswert ist, darf in Frage gestellt werden. In Zeiten, die die Schattenseiten des Turbokapitalismus immer klarer hervortreten, wären wirklich neue Ideen und echte Alternativen gefragt. A. A.

 

Jüngst im Zukunftsinstitut erschienen ist die  Studie

 

Medialution. Von den Massenmedien zur digitalen Individualisierung. Wenzel, Eike ... (Mitarb.).  Hrsg. v. Zukunftsinstitut. Kelkheim, 2005. 109 S.

 

ISBN 3-938284-11-0 (www.zukunftsinstitut.de)

 

Darin geht es um die „Zukunft der Medien“ zwischen Individualisierung, Digitalisierung und Personalisierung ebenso wie um die neusten Technologien zwischen iPod, W-LAN, UMTS und WiMAX (Funktechnik).

 

Horx, Matthias: Wie wir leben werden. Unsere Zukunft beginnt jetzt. Frankfurt/M.: (u. a.): Campus, 2005. 397 S., € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,70

 

ISBN3-593-37777-2