Ohne Öl, schreibt der Wissenschaftsjournalist Fred Pearce, können wir zur Not leben, ohne Wasser aber nicht. Deshalb wird wohl das Schicksal unserer Flüsse für die Zukunft der Menschheit im kommenden Jahrhundert von größerer Bedeutung sein als die Energiekrise. Denn die großen Flüsse (ver)schwinden bereits und viele, die nach Auskunft der Atlanten in Meere münden, sind lange vor Erreichung der Küsten bereits versiegt. Zu ihnen zählen der Gelbe Fluss in China wie auch der Jordan. Euphrat, Tigris und Indus nehmen im Verlauf so stark ab, dass nur noch Rinnsale und zu Trockenzeiten kein Wasser ins Meer gelangt. Andererseits haben Überregulierungen die Flutgefahr dramatisch steigen lassen. Der Autor recherchierte für das vorliegende Buch vor Ort, um die Wasserkrise und ihre Auswirkungen in einer spannenden Reportage darzustellen. Die Ursachen der aktuellen Situation sieht Pearce einerseits im Klimawandel, andererseits in unserem Umgang mit der Ressource Wasser.

 

Wir benötigen in Europa pro Person etwa 150 Liter Wasser pro Tag. In Australien liegt der durchschnittliche Wasserverbrauch in Vorstädten bei 350 Liter, in den USA bei circa 400. Bis man ein Kilo Reis ernten kann, braucht es zwischen 2000 und 5000 Liter Wasser, für ein Kilo Kartoffeln 500 Liter, für ein Kilo Weizen 2000 Liter und kaum zu glaubende 20.000 Liter Wasser werden zur Produktion von 1 kg Kaffeepulver benötigt.

 

Pearce besichtigte im Verlauf seiner Recherchen gigantomanische Bewässerungs- und Staudammprojekte ebenso wie Libyens Staatschef Gaddafis künstlichen Fluss, der das Wasser aus riesigen Wasserspeichern unter der Sahara bezieht. Er berichtet von Staudämmen, die bei Hochwasser jederzeit bersten können, von einem Strom der rückwärts fließt und zehn Millionen Menschen ernährt, von beeindruckenden unterirdischen Wasserleitungen im Iran, die mehr als drei Mal bis zum Mond reichen würden oder von einem britischen Bewässerungsprojekt, das mehr als hundert Kilometer von der nächsten Wasserquelle entfernt liegt.

 

Gegenwärtig, so Pearce, sind die Flüsse vor allem wegen des Faktors Mensch durch Übernutzung gefährdet. Zwei Drittel des verfügbaren Süßwassers werden durch die Landwirtschaft verbraucht. In Indien zapfen mehr als 21 Millionen Bauern inzwischen unterirdische Reservoirs an, um ihre Felder zu bewässern. Im Süden Gudscharats (Indien) entnehmen die Bauern Wasser aus einem Abwasserkanal, der aus dem Industriegebiet mit zahlreichen Chemiefabriken strömt. Die Brunnen sind versiegt, weil die Chemieunternehmen die Grundwasserreserven ausgeschöpft haben. In Saudi-Arabien werden aus Brunnen in bis zu einem Kilometer Tiefe unterirdische Wasserspeicher für die Landwirtschaft genutzt. Für eine Tonne Weizen werden dort 3000 Kubikmeter Wasser, das Dreifache des Weltdurchschnitts, benötigt. „Es war ein Projekt, das, wie der Economist seinerzeit kommentierte, ‚wirtschaftlich etwa so sinnvoll ist, als würde man in einem Gewächshaus in Alaska Bananen züchten’.“ (S. 100)

 

Der Tschadsee am Rande der Sahara hat ein Einzugsgebiet von der Größe Frankreichs, Spaniens, Deutschlands und Englands zusammengenommen. Mit einer durchschnittlichen Tiefe von 1,5 Metern ist/war er sehr flach. Von seiner ursprünglichen Größe (25000 Quadratkilometer) hat er bis heute unglaubliche 95 Prozent eingebüßt.

 

In Kambodscha nimmt der kleine Fluss Tonle Sap auf dem Höhepunkt des Monsuns ein Fünftel der gewaltigen Wassermenge des Mekong auf. Dann wird er für kurze Zeit zu einem der großen Flüsse der Welt – obwohl er rückwärts (landeinwärts) fließt. Seit Anfang dieses Jahrtausends ist aber auch dieses Gleichgewicht gestört. Es besteht die Gefahr, dass das Seengebiet des Tonle Sap in Kambodscha vom Fluss abgetrennt wird – ein Gebiet, in dem Jahr für Jahr zwei Drittel des Fischbestands des Mekongs heranwachsen, von dem sich mehrere Millionen Menschen Tag für Tag ernähren.

 

Der Autor plädiert mit Blick auf die globalen Entwicklungen für eine „Blaue Revolution“, die auf einen neuen Umgang mit Wasser zielt und bereits erste Erfolge bringt wie z. B. die Techniken des Regensammelns, die Grundwasseranreicherung, Zisternenbauten, Kleindämme, die Wiederbelebung der Kanalsysteme traditioneller unterirdischer Höhlensysteme, die das Grundwasser verfügbar machen, ohne eine Überausbeutung zu verursachen. Kombinierte man diese Techniken mit angepasster Tröpfchenbewässerung, wäre es nach Pearce möglich, den Wassermangel von zwei Milliarden Menschen in Asien erheblich zu reduzieren. A. A.

 

Pearce, Fred: Wenn die Flüsse versiegen. München: Kunstmann, 2007. 398 S., € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 41,70

 

ISBN 978-3-88897-471-7