Entgegen den üblichen Horrorszenarien von Überalterung, Kinderlosigkeit und Schrumpfung der Gesellschaft vertritt der kürzlich verstorbene Soziologe Karl Otto Hondrich eine kontroverse Position. Für ihn bedeuten der demografische Alterungsprozess und der Rückgang der Geburtenzahlen einen „Glücksfall“. Entscheidend ist dabei, dass stärkere Kräfte unsere Gesellschaft bewegen als die Geburten- und Todesraten. (S. 23) Hondrich entzaubert aber auch liebgewordene Vorbilder wie die angeblich vorbildhafte französische Geburtenrate, da sie eine hohe Jugendarbeitslosigkeit zur Folge hat. Er verweist darauf, dass verschiedene Systeme der Gesellschaft (Wirtschaft, Familie, Politik etc.) „Selbstregulierungskräfte“ besitzen, um sich Veränderungen anzupassen und sich selbst zu reproduzieren. Die Gesellschaft ist sozusagen schlauer als wir denken und balanciert sich selbst erfolgreich aus. "Wenn die Gesellschaft keine Kinder hervorbringt, dann hat das einen gesellschaftlichen Sinn. Die Gesellschaft braucht Kinder nicht, die nicht geboren werden." (S. 17) Dieser Ansicht ist zweifellos entgegenzuhalten, dass der demografische Wandel mit Fertilitätsraten unter 2 nicht nur auf Selbstregulierungsprozesse zurückzuführen ist, sondern insbesondere auf die Pille und die Emanzipation sowie die deutlich höhere Beschäftigungsquote von Frauen. Nicht zuletzt haben diese Rahmenbedingungen die gesellschaftliche Reproduktion völlig verändert. Und glaubt man den Glücksforschern (vgl. PZ xy), dann sind Kleinkinder keineswegs der Quell gesteigerten Glücksempfindens.

 

Aber kommen wir nochmals auf Hondrichs Kernthese zurück, dass Gesellschaften ihre Nachwuchssicherung umstellen - von vielen und riskanten auf wenige und sichere Lebensläufe. Der Soziologe hält dies selbstverständlich für eine notwendige Begleiterscheinung soziokulturell gesteuerter Evolution. Somit haben Wohlstand, Bildung, Freiheiten, Gleichberechtigung der Geschlechter, soziale Absicherungen, Medizin und auch Wissenschaft – die westlichen Werte schlechthin – die Geburtenziffern abgesenkt. Diese Argumentation sieht der Autor global bestätigt, denn wo diese Werte Einzug halten (in industriell nachziehenden Gesellschaften), sinkt die Geburtenrate. Was der Okzident als soziokulturelle Errungenschaft hervorbringt – die Romantische Liebe, das Wunschkind, die Pille, die Emanzipation der Frauen –, verwehrt ihm eine hohe Reproduktion und wird zu einem globalen Faktor. „Weltweit ist die durchschnittliche Kinderzahl in den letzten 30 Jahren von 4,8 auf heute 2,8 Kinder pro Frau gefallen.“ (S. 262)

 

Die entscheiden Frage, ob soziale Systeme tatsächlich viele Menschen brauchen, um Probleme besser lösen zu können, entscheidet Hondrich naturgemäß aus soziologischer Sicht, indem er die Stabilität der Gesellschaft nicht an der Zahl der Nachkommen, sondern an Bestand und Problemlösungsfähigkeit sozialer Systeme misst. Deshalb kann seiner Ansicht dem Geburtenrückgang auch durch Gegensteuerung der Politik nicht wirkungsvoll begegnet werden. „Was Kindern dienen soll – Mutterschutz, Kündigungsschutz, Anspruch auf Elternzeit und Freihaltungsanspruch, Sonderanspruch auf Verringerung der Arbeitszeit und Teilzeitanspruch für Mütter und Väter, Erziehungsurlaub –, kann Eltern schon im Vorhinein den Job kosten. Was auf die finanziell angespannte Lage der jungen Familien hinweisen soll – die öffentlich vorgerechneten Kosten für jedes Kind –, mag einige erst recht vom Kinderkriegen abschrecken."(S. 252)

 

Und schließlich sieht der Autor eine der zentralen Ursachen des Geburtenrückgangs in unserem immer Älterwerden. „So wenig die Vergreisung von Individuen und Gesellschaften durch den Fall der Geburtenrate verursacht ist, so sehr verursacht andererseits der steigende Altenanteil diesen Fall!" (S.15) Noch ein Wort zur Vereinbarkeit von Kind und Beruf. Hondrichs verweist darauf, dass „eine Minderheit von höchstens 5 Prozent prominenter und privilegierter Frauen der sich abkämpfenden Mehrheit als Vorbild vorgehalten“ werde (S. 255) Ähnliches gilt auch für das Idealbild der gleichberechtigten Partnerschaft. „In wenigen Prozent aller Fälle, insbesondere wenn Männer von beruflichen Zwängen befreit sind oder sich ihnen entziehen können, wird es Realität.“ (S. 256) Für die meisten Paare aber bleibt es Wunschdenken.

 

Auch wenn man nicht mit allen Argumenten Hondrichs einverstanden ist, so eröffnet seine Sicht der Dinge doch neue Perspektiven und Erkenntnisse in einer längst eingefahrenen Debatte. A. A.

 

Hondrich, Karl Otto: Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2007. 280 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 34,90

 

ISBN 978-3-593-38270-8