Wem gehört der Wohlstand?

Ausgabe: 2007 | 2

Viele Menschen halten das Thema, wie der vorhandene Wohlstand gerechter verteilt werden könnte, für weitaus bedeutender, als es von der Politik in den letzten Jahren wahrgenommen wurde, so der Wirtschaftswissenschaftler Markus Marterbauer in betont sachlicher Art zu seiner Motivation, dieses Buch  zu schreiben. Anders als neoliberale Ökonomen hält der am Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) tätige Experte nichts von einem Rückzug des Staates aus der Wirtschafts- und Verteilungspolitik. Umverteilung und aktivierende Sozialpolitik sind für ihn nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern auch eine wirtschaftspolitische Notwendigkeit, um etwa die Konsumnachfrage unterer Einkommensschichten zu steigern und volkswirtschaftliche Kosten sozialer Krisen zu minimieren.

 

Marterbauer zeigt anhand der Datenlage Österreichs, wie stark die Einkommen der Unter- und Mittelschicht zurückgegangen sind, und dies, obwohl das Gesamtvolkseinkommens allein in den letzten 10 Jahren real um ein weiteres Viertel gewachsen ist. Die kräftigen Zuwächse sind am anderen Ende der Einkommensskala zu verzeichnen: „Die Beträge aus dem Besitz von Finanz- und Grundvermögen, die Gewinne der Unternehmen sowie die Gehälter der hohen Angestellten sind besonders rasch gestiegen.“ (S. 10f). [Zu Deutschland siehe xy und xy]

 

Einen wesentlichen Grund für diese Entwicklung sieht der Experte in der hohen Arbeitslosigkeit, die zu einer Schwächung der Gewerkschaften und der öffentlichen Hand führt. Die Umsteuerung müsste daher bei der Lage am Arbeitsmarkt ansetzen. Dabei gehe es nicht nur um mehr Jobs, sondern auch um eine bessere Qualität der Arbeitsplätze und um höhere Einkommen. Marterbauer plädiert für eine Reform der Besteuerung von Vermögen und Unternehmensgewinnen, für eine Verringerung der Einkommensspreizungen (etwa durch Abkehr vom Prinzip prozentueller Lohnerhöhungen, die Besserverdienende bevorzugen), aber auch für Umverteilung von Arbeit durch innovative, die Lebenszufriedenheit steigernde Arbeitszeitmodelle wie Bildungskarenzen, Urlaubsverlängerungen und attraktive Teilzeit. Sozialpolitik bedeutet für ihn nicht, mehr Sozialhilfe auszugeben, sondern die Startchancen Benachteiligter zu verbessern. Investitionen in Bildung, der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen oder bessere Mindestlöhne seien dabei zugleich die adäquatere Antwort auf die Modernisierungsherausforderungen.

 

In insgesamt elf Kapiteln macht Marterbauer Vorschläge für eine reformierte österreichische Wirtschaftspolitik, die von einer anderen Steuer- und Budgetpolitik bis hin zu Arbeitsmarktpolitik reicht. Schweden wird dabei als Vorbild für einen „innovativen Wohlfahrtsstaat“, Deutschland als Negativbeispiel, dem Reformen bisher nicht gelungen seien, dargestellt. H. H.

 

Marterbauer, Markus: Wem gehört der Wohlstand? Perspektiven für eine neue österreichische Wirtschaftspolitik. Wien: Zsolnay, 2007. 303 S. € 23,50 ISBN 978-3-552-05400-4