Nur selten kann die Zusammenstellung von Tagungsberichten als durchwegs Richtung weisende und anregende Lektüre empfohlen werden. Hier– soviel sei vorweggenommen – ist es angebracht, von der Regel abzusehen, denn die Beiträge durchwegs hochkarätiger Mitwirkender an der im Mai 2003 an der Hamburger Börse unter dem Titel „Words of Capitalism – Welten des Kapitalismus“ vorgebrachten Einsichten und Sichtweisen sind durchwegs dazu angetan, den Blick auf Defizite und Entwicklungspotenziale „des Kapitalismus“ zu schärfen.

 

In seiner kenntnisreichen Einleitung legt der Herausgeber, Professor für sozilogische Theorien an der Universität Hamburg, zunächst überzeugend dar, dass es nicht einesinguläre Form von Kapitalismus, sondern vielmehr unterschiedliche, miteinander konkurrierende Formen von Kapitalismus gibt. Dem entsprechend vielfältig fallen – eingeleitet von einer „kurzen Geschichte der Kapitalismustheorie“ des Herausgebers – auch die Beiträge zu diesem, in drei Abschnitte gegliederten Band aus.

 

Im ersten Abschnitt zur Bedeutung sozialer Innovationen, der Rolle von „Governance und ökonomischer Performance verweist etwa J. Berger auf die eklatanten Einkommensunterschiede zwischen einzelnen Ländern, um die Rolle des technologischen Wachstums als entscheidenden Wachstumsfaktor hervorzuheben. H. Demsetz, Mitbegründer der „Neuen Institutionellen Ökonomik“, vertritt im Folgenden die These, dass der Kapitalismus mit dem Markt, differenzierter Information und der verbesserten Auswahl von Investitionsmöglichkeiten über drei Instrumente zur Verminderung von Missmanagement verfügt. Hervorgehoben sei schließlich die These von Nobelpreisträger von Douglas C. North, der in einem weitern Kapitel zu bedenken gibt, dass die zentrale Annahme der Nutzenmaximierung in Anbetracht der eklatanten Wohlstandsgefälle weltweit nicht als zentraler Beweggrund ökonomischen Handelns angesehen werden kann.

 

Die vier Beiträge des zweiten Abschnitts thematisieren „Varianten des zeitgenössischen Kapitalismus“, wobei der Bogen von einem Vergleich von Staat, Markt und Kapital in Ost und West (mit Fokus auf die Entwicklung Chinas) über eine Analyse des „Europäischen Sozialmodells“ (C. Offe) bis hin zu zwei Kapiteln zur Zukunft der USA zwischen „neoliberalem Ideal“ und „sozio-ökonomischer Realität“ reicht. Michael J. Piore verweist etwa darauf, dass zwar die Ungleichheit der Einkommensverteilung während der vergangen drei Jahrzehnte zwar stark zugenommen habe, zugleich aber auch ein bedeutender institutioneller Fortschritt in der Umsetzung von Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und dem Erstarken von Bürgerrechtsbewegungen (vor allem zu Gunsten sozial Benachteiligter) auszumachen sei.

 

In  „Kapitalismuskritik im Zeitalter der Globalisierung“, dem dritten Abschnitt dieses facettenreichen Bandes wird schließlich der Rolle der Kritik als Motor der Dynamisierung des Kapitalismus, dem Zusammenhang von „Globalisierung und Loyalität mit Blick auf die Frage „Wer sind ‚Wir’ nachgegangen, und abschließend ein zentrale Kategorie des Kapitalismus kritisch hinterfragt. Steven Lukes von der New York University, spricht, anknüpfend an Jürgen Habermas, von einer „Invasion des Marktes“. Im Hinblick auf Warenförmigkeit, Ungleichheit des Zugangs und Bürgerschaft (‚citizenship’) würde dieser dort, wo er ausschließlich der Logik der Ökonomie folgt, mehr schaden denn nutzen.

 

Es gehe, so der zusammenfassende Befund des Herausgebers, heute nicht um die Frage nach Konzepten „jenseits des Kapitalismus“, sehr wohl aber um Alternativen innerhalb desselben. In diesem Sinne werden in diesem Band Errungenschaften gewürdigt, Defizite beim Namen genannt und  Alternativen erwogen. W. Sp.

 

Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie. Hrsg. v. Max Miller. Frankfurt/M.: Campus, 2005. 388 S. €  32,90 [D], 33,90  [A], sFr 67,-

 

ISBN 3-593-37597-4