Verantwortung in der Zivilgesellschaft

Ausgabe: 2007 | 2

In Debatten um Reformen wird immer wieder und gerne auf Verantwortung, insbesondere die Eigenverantwortung der BürgerInnen verwiesen. Damit ist nicht selten die Erwartung verknüpft, der oder die einzelne habe sich ebenso um das Gemeinwesen wie um die eigene Existenzsicherung zu kümmern. Im Zentrum des von Ludger Heidbrink und Alfred Hirsch herausgegebenen Bandes steht die Rolle des Verantwortungsprinzips als neue Leitkategorie sozialer und politischer Reformprozesse in der Zivilgesellschaft.

 

Die Verantwortungsgesellschaft – so eine Ausgangsthese – ist durch eine Individualisierung von Risiken gekennzeichnet, die früher von kollektiven Sicherungssystemen aufgefangen wurden. Welches Maß an Eigenversorgung aber ist den BürgerInnen vor dem Hintergrund des sozialstaatlichen Umbaus und leerer öffentlicher Kassen abzuverlangen?

 

Zurück gehend auf eine Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen), die sich den „kulturellen Voraussetzungen komplexer Verantwortungsgesellschaften“ widmete, nimmt der vorliegende Band in 18 Beiträgen eine Bestandsaufnahme (aus philosophischer, soziologischer, politologischer und juristischer Sicht) des Themas vor. Dabei sind durchaus auch kritische Töne zur Konjunktur des Verantwortungsprinzips zu hören, das dem Einzelnen zwar offenbar wachsenden Entscheidungsspielraum lässt, ihm aber zugleich immer schwerere Bürden auferlegt, die wiederum zu neuen Ungerechtigkeiten und Überforderungen führen. „Der Druck der globalen Marktwirtschaft hat sich nicht nur auf den Spielraum öffentlichen Haushalte der Nationalstaaten ausgewirkt; er hat auch den Zwang auf das einzelne Individuum erhöht, sein Leben mit geringeren staatlichen Absicherungen erfolgreich zu führen, sich auf eigene Faust dem Wettbewerb um Positionen, Einkommen und Aufmerksamkeit zu stellen, der den gegenwärtigen Kapitalismus kennzeichnet.“ (S. 31)

 

Der Leiter der Forschungsgruppe „Kulturen der Verantwortung“ am Kulturwissenschaftlichen Institut, Ludger Heidbrink, weist darauf hin, dass Widersprüche und Gegensätze zum Wesen der Verantwortungsgesellschaft gehören und dass das Prinzip der Verantwortung keineswegs ein Allheilmittel für die zivilgesellschaftlichen Probleme der Zeit darstellen. Dennoch plädiert er dafür, die Institutionalisierung des Prinzips voranzutreiben, denn nur im Rahmen organisierter Zivilgesellschaft könne es seine praktische Wirkung entfalten. Zugleich plädiert er für die Berücksichtigung des Unverantwortbaren bzw. die Beschränkung des Verantwortungsprinzips auf die Bereiche menschlichen Handelns, „in denen die Bestimmung über das eigene Leben und die Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen tatsächlich gegeben ist“ (S. 147).

 

Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann kommt in seiner Einschätzung von „Verantwortung“ im Sozialstaatsdiskurs zu dem Schluss, dass Sicht hinter dem derzeit aktuellen Ruf nach Eigenverantwortung nicht mehr steckt als politische Rhetorik zur Legitimation zugemuteter Leistungskürzungen (vgl. S. 58). Voraussetzung für die Ausbildung einer Verantwortungskultur erfordere aber nicht nur institutionelle Rahmenbedingungen, sondern auch eine hinreichende Verbreitung von kulturellem und ökonomischem Kapital, meint Wolfgang Maaser von der Evangelischen Fachhochschule Bochum. „Erst dies bringt eine Infrastruktur der Verantwortungskultur mit entsprechend günstigen verantwortungsgenerierenden Dispositiven, Praktiken einer arbeitsteiligen Verantwortung und Bestimmung der Reichweiten, identifizierbaren Akteuren und rational gerechtfertigten Kriterien auf den Weg.“ (S. 78)

 

Grundsätzlich beschäftigt sich der Philosoph Stefan Gosepath mit dem Thema, wenn er nach der Verantwortung für die Beseitigung von „Übeln“ fragt. Ihm geht es um die allgemeinen Bedingungen für die Zuschreibung von Verantwortung und deren Reichweite. Weitere Beiträge widmen sich dem Aspekt der Aufgaben- und Zurechnungsverantwortung im Sinne von Regeln und Pflichten bzw. Sanktionen, der Frage nach „gerechter Verantwortung“ oder Zusammenhang von Zivilgesellschaft und Menschenrechten. A. A.

 

Verantwortung in der Zivilgesellschaft . Zur Konjunktur eines widersprüchlichen Prinzips. Hrsg. v. Ludger Heidbrink … Frankfurt/M.: Campus, 2006. 419 S., € 34,90 [D], 35,95 [A], sFr 59,90

 

ISBN 978-3-593-38010-0