„ÜberMorgen. Zukunftsvorstellungen als Elemente der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“

Ausgabe: 2007 | 2

In dieser umfangreichen akademischen Arbeit wagt der Autor die Beschreibung und Analyse eines großen Zeitabschnitts menschlicher Zivilisationen in Bezug auf die jeweiligen zeitbedingten Verständnisse von Zukunft.

 

Beginnend bei den Zukunftsvorstellungen im antiken Judentum und frühen Christentum werden in acht Kapiteln der Trend hin zu einem neuen Veränderungsbewusstsein und die Entstehung des konstruktiv-prozessualen Zukunftsverständnisses dargelegt. Die Hauptthese dieser Studie: Früher haben sich die Menschen als Objekte einer ihnen von transzendentalen Mächten zugedachten und gelenkten Zukunft verstanden. Im Laufe des Zivilisationsprozesses erkannten sich die Menschen immer mehr als „Autoren ihrer Zukunft“, Zukunft ist aus heutiger westlicher Sicht „ein kontinuierlicher, an das Hier und Jetzt anschließender gestaltungsoffener Zeitraum, über dessen (künftige) Gestalt in der Gegenwart entschieden wird und werden muss. Individuum und Menschheit werden vor diesem Hintergrund für ihre eigene zukünftige Gegenwart und die Zukunft der Welt bzw. der Menschheit voll verantwortlich und unbeschränkt haftbar“ (S.421).

 

Um diesen Wandel zu belegen, wird von Uerz ein sehr weiter Bogen gespannt: frühe religiöse Vorstellungen aus der jüdisch-christlichen Klassik über Zukunft, Konzeptionen aus der Renaissance, den utopischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts und deren Kritik und Weiterentwicklung durch Marx und Engels, diverse Formen einer Kritik der Mechanisierung und der Bedeutung von Seele (z.B. Walter Rathenau), Technikvisionen wie z.B. die von Jules Verne oder des Münchner Architekten Sörgel („Atlantropa“), verschiedene alte und neuere Kriegsutopien, die Ideen im Kontext von Künstlicher Intelligenz und biotechnologischen Entwürfen, schließlich die extremen Ansichten von Moravec: Uerz gelingt die Beschreibung eines enormen Spektrums an unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen in mannigfaltigen Formen: „Zukunft ist in der Gegenwart in der Form von Prognosen, Extrapolationen, Kalkulationen, Vorhersagen oder Visionen, kurz: in Gestalt von Vorstellungen künftiger Ereignisse und Entwicklungen präsent.“ (S.13) Eine weitere Erkenntnis der Studie besteht darin, dass Zukunftsvorstellungen ganz eindeutig als Elemente der gesellschaftlichen Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit dargestellt und erkannt werden.

 

Für Zukunftsforschung im engeren Sinne ist das Kapitel 6 von besonderem Interesse; darin geht es um „Die Etablierung der Futurologie nach 1945“ (RAND, Jungk, Wiener, Flechtheim usw.). Sehr erfreulich ist die Berücksichtigung die Einbeziehung von Science Fiction Literatur, von ansonsten oft ignorierten osteuropäischen Autoren und von ebenfalls häufig „vergessenen“ militärischen Zukunftsentwürfen. Freilich hätten noch einige Autoren mehr wie Georg Picht, Ervin Laszlo, John Naisbitt oder z.B. aktuelle Texte von Immanuel Wallerstein, Fredric Jameson oder Christoph Spehr berücksichtigt werden können. Aber auch ohne dem Anspruch auf Vollständigkeit zu genügen dürfte dieses Werk aufgrund der Breite der Einzelbeispiele, des weiten historischen Bezugrahmens und der soziologischen Erklärungsmuster zu einem Grundlagenwerk im Bereich der Zukunftsforschung avancieren. Angemerkt sei, dass es sich dabei um keineswegs um leichte Lektüre handelt und dass der Fachjargon teilweise erläuterungsbedürftig ist. Dennoch ist diese Arbeit gut lesbar und daher nachdrücklich zu empfehlen. E. G.

 

Uerz Gereon: „ÜberMorgen. Zukunftsvorstellungen als Elemente der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“; München: Wilhelm Fink Verlag, 2006. 449 S., € 49,90 [D], 51,40 [A], sFr 87,50

 

ISBN 978-3- 7705-4305-2