„Als sich mit der Jahrtausendwende das Bewusstsein ausbreitete, dass im neuen Zeitalter die Maschinenmacht den Menschen über den Kopf zu wachsen droht und der Kitt der Gesellschaft lokal wie global bröckelt“, habe, so Ernst Gehmacher vom Wiener Büro für angewandte Sozialforschung, die OECD den Auftrag erteilt, das Sozialkapital in den Gesellschaften messen zu lassen. Der Doyen der Österreichischen Sozialforschung, der Österreich in dem Forschungsprogramm „Measuring Social Capital“ vertritt, geht nun einen Schritt weiter. Er will Sozialkapital stimulieren, Menschen dazu ausbilden, dies zu tun, um so von „Policy Research“ zu „Action Research“ zu gelangen.

 

Das  vorliegende Handbuch gibt Einführungen in die wissenschaftliche Diskussion über Sozialkapital (u.a. durch den Leiter des OECD-Programms Tom Schuller zum Thema „Social Capital as a Concept in International Policy Analysis) sowie über die Möglichkeiten seiner Messung, die in der Regel mittels Befragungen über Beziehungsnetzwerke, zwischenmenschliches und institutionelles Vertrauen sowie die Erhebung der Vereinsdichte erfolgt. Interessant erscheint auch die Erkenntnis, dass Sozialkapital sich nicht nur an der Qualität der Beziehungen in der eigenen Gruppe misst, sondern auch am Vermögen, zu anderen sozialen Gruppen, Berufs- oder Gesellschaftsschichten Beziehungen aufzubauen, was mit dem Modell von „Bonding“ und „Bridging“ dargestellt wird. Weitere Beiträge illustrieren beispielhafte Befunde über die Erfolge von Sozialkapital. So konnte gezeigt werden, dass in Schulklassen mit besseren sozialen Beziehungen auch bessere Lernergebnisse erzielt werden. Oder: Dass die Beziehungsnetzwerke am Land nicht immer besser sind als in der vermeintlich distanzierteren und anonymeren Stadt. Manfred Hellriegl vom Büro für Zukunftsfragen Vorarlberg zeigt als Praktiker, wie der Sozialkapitalansatz in der Gemeinde- und Regionalentwicklung fruchtbar gemacht werden könnte. Lesenswert erscheinen auch die Ausführungen von Ernst Hinterberger und Kollegen vom Sustainable Europe Research Institute über die Zusammenhänge von Sozialkapital, Wohlbefinden und Glück, die auch die Verantwortung der Unternehmen einfordern, sowie eine abschließende Reflexion über Zusammenhänge zum Leitbild Nachhaltigkeit von Rita Trattnigg u. a., angelegt als Dialog von vier MitarbeiterInnen des Österreichischen Lebensministeriums.

 

Auch wenn das Modell des Sozialkapitals vornehmlich auf die individuelle Fähigkeit zur Ausbildung von sozialen Beziehungen abstellt unter Abstraktion von den wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen (zu diesen siehe die folgende Rezension), so ist der Ansatz dennoch wertvoll. Eine Methode kann nicht alles leisten!  H. H.

 

Sozialkapital. Neue Zugänge zu gesellschaftlichen Kräften. Hrsg. v. Ernst Gehmacher u. a. Wien: Mandelbaum, 2006. 240 S. € 17,80 [D], € 19,- [A], sFr 30,80 ISBN 978-3-85476-200-3