Der deutsche Philosoph, Historiker und Journalist Robert Kurz seziert die Marktwirtschaft und zeichnet dabei die drei industriellen Revolutionen nach. Er belegt damit, wie der Kapitalismus aus weitverzweigten Wurzeln und vielen Quellen im Laufe der Geschichte Varianten seiner inneren Widersprüchlichkeit hervorgetrieben hat: Liberalismus und Sozialdemokratie, den Staatssozialismus als Form nachholender Modernisierung, aber auch immer wieder Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. „Den scheinbar ahistorisch gewordenen Kapitalismus gilt es zu historisieren“, postuliert Kurz (S. 12). Dies zeigt sich z.B. in der anscheinend konfliktarmen Koexistenz von Gewinnern und Verlierern innerhalb eines Gemeinwesens - und dessen tragenden Pfeilern, den (neoliberalen) Parteien. Der Gemeinsinn dieser „Volksgemeinschaft“ kann nur noch um den Preis des Vergessens und Verdrängens der Ursachen für diese Unterschiede weiter existieren.

 

Mit seinen detaillierten und brillant verfassten Analysen, basierend auf geschichtlichen und soziologischen Fakten, vermittelt der Autor Einsichten, die vielfach bewusst verschleiert bzw. verdrängt werden. So z.B., dass die bisherigen Gegenentwürfe das Wesen der kapitalistischen Geldmaschine unangetastet ließen und selber nur Trendsetter jener permanenten „Modernisierung“ waren, die sich zunehmend als antisozialistischer Drohbegriff entpuppt. Aber ausgerechnet in demselben Maße, wie er von allen Parteien zum alternativlosen Schicksal der Menschheit erklärt wird, treibt der Kapitalismus heute auf eine ausweglose Situation zu. Auch die Wachstumsdynamik der letzten 200 Jahre erlischt laut Kurz zwangsläufig und das bisherige System von Arbeit, Geldeinkommen und Warenkonsum ist auf Basis des Gegenwärtigen nicht mehr zu retten. Die Marktwirtschaft wird mit ihren Produktionssprüngen - Automation und Globalisierung - nicht mehr fertig. Beispielsweise empfindet der Krisentheoretiker die heutige "Standort-Debatte als grotesk, weil diese nicht realisieren will, dass das flächendeckende System marktwirtschaftlicher "Arbeitsplätze" sich selbst zerstört.

 

Für den Autor bilden UNO, Weltbank, IWF usw. keine über- oder transnationalen Institutionen, sondern nur unselbständige Repräsentationsformen der alten nationalstaatlichen Welt, die unter dem Druck der Globalisierung offenkundig zunehmend versagen. Wegen dieses institutionellen Defizits hält er auch nichts davon, ihre „Demokratisierung“ und die „Regulierung der internationalen Finanzmärkte“ anzumahnen. Vielmehr spreche nichts dagegen, dass die sozialen Bewegungen als transnationale Emanzipationsbewegungen soziale Forderungen an die realen kapitalistischen Institutionen stellen, und dort, wo es notwendig erscheint, auch Widerstand und Rebellion organisieren. Und viel, so der Autor, spreche dafür, dass sich die Gesellschaft nach und nach auf einen neuen Zielhorizont der Emanzipation jenseits von Markt und Staat (und damit auch von Politik) orientieret. Robert Kurz schließt unmissverständlich: „Selbst wenn es nur wenige sind, die im Zerfallsprozess des Kapitalismus eine neue innere Distanz gewinnen können: Es ist immer noch besser, Emigrant im eigenen Land zu werden, als in den inhaltslosen Plastikdiskurs der demokratischen Politik einzustimmen. Die Gedanken sind frei, auch wenn sonst gar nichts mehr frei ist" (S. 792). M. R.

 

Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Frankfurt/M.: Eichborn, 1999. 816 S., DM 68,- / sFr 62,- / öS 496,-