Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken

Ausgabe: 2001 | 1

Jenseits schriller Schlagzeilen, Trendprognosen und Katastrophenmeldungen sind uns die Beiträge der im 30. Jahrgang erscheinenden „Jahresschrift“ längst als besonnene und kritische Analysen der Gegenwart ein unverzichtbarer Beleiter durch die Höhen und Niederungen gegenwärtiger gesellschaftlicher Befindlichkeiten. Dort, wo brandneue Gebrauchsanweisungen angepriesen werden, sind die Autoren der Zeitschrift mit Prüfung, Einwand und Skepsis zur Stelle. Es scheint geradezu müßig, an dieser Stelle wie jedes Jahr die Schar der namhaften AutorInnen aufzuzählen. Auch die Themen sind gewohntermaßen vielfältig und reichen von „Bemerkungen zur Popularität von Fußball“ über Beiträge zur gelebten Ökologie („Die Entstehung der Eichstetter Saatgutinitiative“ von Gunhild Pörksen) bis hin zu „naturphilosophischen Bemerkungen“. Neben brandaktuellen Aufsätzen zur Gentechnologie und zur (Sinnlosigkeit der) akademischen Ethik stehen Beiträge über den „Umgang mit der Zeit“ (Hans-Dieter Jünger).

 

In seiner „Rede vor Grünen Politikern“ nimmt sich Carl Amery kein Blatt vor den Mund und erstellt einen Forderungskatalog an die Politik, die Lebensgrundlagen zu erhalten. Insbesondere muss auch die Fähigkeit gesellschaftlicher Minderheiten, alternative Verhaltensweisen und Politiken zu forcieren, durch entsprechende Vorgaben verbessert werden. „Stichworte zu einer Schlüsselfrage des neuen Jahrtausends“ liefert Till Bastian in „Unterwegs zum Frieden?“. Wesentliche pazifistische – also friedensstiftende - Impulse sieht er von einer Fülle von Non-Governmental-Organisationen (wie Greenpeace, Ärzte gegen den Atomkrieg, Landminenkampagn) ausgehen, die nicht zuletzt die Weltpolitik wirksam mitgestalten.

 

Eine überaus treffliche Zeitdiagnose des „manischen Menschen“ der Gegenwart steuert Thomas Fuchs bei und er weckt bei seiner kurzen Beschreibung der Manie als Krankheitsbild durchaus Assoziationen zu aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen wie Expansivität, Beschleunigung, Flüchtigkeit, Distanz- und Respektlosigkeit sowie Ressourcenerschöpfung und Maßlosigkeit. Die Ökosteuerreform der rot-grünen Koalition, der Benzinpreis, der Ausstieg aus der Atomkraft mit seiner Kompromisslösung, die Benachteiligung der Schiene sowie vermischte Nachrichten aus der Umwelt des Jahres 2000, beschäftigen Christian Schütze, für den die Grünen in den letzten zwei Jahren ein „Menu der Kröten“ zu schlucken hatten und zum Teil 40 Prozent ihrer Wähler verloren, wie die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ergaben (S. 381).

 

Schließlich muss der Rezensent noch auf einen seiner Lieblingsautoren, nämlich Jürgen Dahl, aufmerksam machen, der uns diesmal Gedanken zum Reisen und zum neuen Markt der Telebörse in gekonnt differenzierten und dem schwarzen Humor keineswegs abgeneigten Erzählungen näher bringt. Er weist auf die „Verhunzung der Welt, die Demolierung ihrer Schönheiten“ durch das Reisen hin, das im übrigen möglichst schnell absolviert werden will. Dies entspricht am Ziel dem Wunsch, „möglichst nicht zu merken, dass man anderswo ist“ (S. 338). Eine große Geschäftigkeit, „eine Art von Rausch“, sieht Dahl im neuen Boom des Aktienmarktes im Internet, ein weiteres Indiz dafür: „Die Welt wird kälter mit jedem Tag.“ (S. 346) A. A.

 

Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken. Dahl, Jürgen ... (Red.). Hrsg. v. Max Himmelheber. Baiersbronn: Selbstverl. d. Max-Himmelheber-Stiftung, 2000. 390 S.