Gesetzliche Mindestlöhne sollen das Absinken der Löhne unter ein bestimmtes Niveau begrenzen und damit die gesellschaftliche Lohnstruktur nach unten hin abdichten. Die Mehrzahl der europäischen Länder hat Mindestlöhne gesetzlich verankert, auch wenn diese unterschiedlich hoch sind und zwischen 30 und 50 Prozent der Durchschnittslöhne liegen. In acht europäischen Ländern – Cypern, Dänemark, Deutschland, Finnland, Italien, Österreich, Schweiz und Schweden werden Niedriglöhne im Rahmen der Tarifpolitik mit den Gewerkschaften festgelegt, was i. d. R. demselben Ziel dient („funktionale Äquivalente“). Im vorliegenden Band wird die Mindestlohnpolitik in zehn europäischen Staaten sowie jene in den USA beschrieben. Studien zu letzterer zeigen etwa, das die Festlegung von Mindestlöhnen keineswegs die Arbeitslosigkeit erhöht oder das Wirtschaftswachstum bremst, wie häufig kolportiert wird (auch wenn die gesetzlichen Mindesteinkommen in den USA sehr niedrig sind!).

 

Die Erosion der Normalarbeitsverhältnisse, die Gefahr von Lohndumping insbesondere durch verstärkte Arbeitsmigration innerhalb der EU mache ein koordiniertes Vorgehen nötig, so die Überzeugung der Herausgeber – allesamt Experten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Daher wird in den abschließend dokumentierten „Thesen für eine europäische Mindestlohnpolitik“ vorgeschlagen, „dass sich alle Länder in Europa verpflichten sollen, die Mindestlöhne schrittweise auf ein Niveau anzuheben, das mindestens 50 Prozent – und perspektivisch 60 Prozent – des nationalen Durchschnittseinkommens entspricht“ (S. 25). Je nach nationaler Tradition könnten hierbei gesetzliche Mindestlöhne, allgemeinverbindlich erklärte Tarifvereinbarungen oder Kombinationen von beiden Regelungsverfahren zur Anwendung kommen. Ein äußerst informativer Band, der einmal mehr für die Stärken ländervergleichender Sozialforschung spricht. H. H.

 

Mindestlöhne in Europa. Hrsg. v. Thorsten Schulte u.a. Hamburg: VSA, 2006. 306 S. € 17,90 [D], € 19,10 [A], sFr 31,50  ISBN 978-3-89965-154-6