Machtkampf Biotechnologie

Ausgabe: 2000 | 3

Seit Anfang der 70er Jahre ist es technisch möglich, in pflanzliche Organismen fremde Gene einzuschleusen und so Pflanzensorten mit neuartigen Eigenschaften synthetisch herzustellen. Was von genmanipulierten Nahrungsmitteln zu halten ist, ist für die Verfechter der Biotechnologie ausgemacht. Sie verheißen der Landwirtschaft gewaltige Ertragssteigerungen, groß genug, um die gesamte Erdbevölkerung zu ernähren. Und dem westlichen Verbraucher versprechen sie bessere und gesündere Nahrungsmittel, zu deren Herstellung nur noch ein Minimum an Insektiziden, Herbiziden und Düngemitteln erforderlich sein wird. Die beiden amerikanischen Ernährungswissenschaftler Marc Lappé und Britt Bailey kommen in diesem Buch jedoch zu einer ganz anderen Beurteilung der Dinge. Sie halten die Massenproduktion von genetisch manipulierten Nahrungsmitteln für ein unverantwortliches Experiment, das in erster Linie den Profitinteressen einer Handvoll multinationaler Konzerne (Monsanto, DuPont, Dow Chemical) dient. Diese Konzerne produzieren aber nur solches transgenes Saatgut, das gegen ihre eigenen Schädlingsvernichtungsmittel resistent ist, sich patentieren und gut vermarkten lässt. Patente werden jedoch gegenwärtig nur für standardisierte genmanipulierte Pflanzensorten erteilt. Lappé und Bailey befürchten deshalb einen dramatischen Rückgang der Artenvielfalt und die Zunahme von Monokulturen. Im selben Maße wächst aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich Generationen äußerst resistenter Insekten und Mikroben herausbilden werden, womit auch das Risiko wächst, dass es zu schweren Beschädigungen der Ökosysteme kommt.

 

Dass die Produktion von transgenen Pflanzensorten zu erheblichen Ertragssteigerungen führen wird, glauben Lappé und Bailey nicht. Denn bis heute lässt sich nicht vorhersagen, welche langfristigen Wirkungen zu erwarten sind.

 

Das Fazit der Autoren: Bislang haben nur einige wenige gentechnische Innovationen zu höheren Erträgen geführt. Diese Innovationen nützen der Dritten Welt wenig, weil genetisch manipulierte Nutzpflanzen eine kostspielige Infrastruktur verlangen. Um die vielfältigen Risiken der Biotechnologie auf ein vertretbares Maß zu senken, ist eine umfassende staatliche Aufsicht und Regulierung aller gentechnischen Manipulationen unabdingbar.

 

Der reißerische Titel der deutschen Ausgabe täuscht. Lappé und Bailey polemisieren nicht. Sie stellen eine ausgesprochen nüchterne und exakte Kosten-Nutzen-Bilanz auf. Dass dabei die Biotechnologie schlecht wegkommt, ist ihnen nicht anzulasten. F. U.

 

Lappé, Marc; Bailey, Britt: Machtkampf Biotechnologie. Wem gehören unsere Lebensmittel? München: Gerling Akademie Verl., 2000. 208 S., DM /sFr 49,- / öS 358,-