Wer klare Zuordnungen trifft, macht seinen Standpunkt deutlich, sortiert – fahrlässig oder bewusst: Dies gilt für politische Aussagen – man erinnert sich etwa an das Diktum des ehemaligen US-Verteidigungsministers vom „Neuen Europa“ – ebenso wie für wissenschaftliche. Christine Bauer-Jelinek weiß als Wirtschaftscoach, Psychotherapeutin und „Macht-Spezialistin“ natürlich, dass Individuen und Kollektive vielfältig strukturiert, mit gegenläufigen und oft auch widersprüchlichen Eigenschaften ausgestattet sind. Und gerade weil sie dies nicht ausblendet, sondern an zentraler Stelle ihres neuen Buches ausdrücklich betont, führt die von ihr kategorisch vollzogene Differenzierung zwischen „Gutmenschen“ und „Geldmenschen“ nicht zu Missverständnissen. Vielmehr trägt sie dazu bei, sich selbst im (Berufs)Welt-Bezug ein Stück weit besser zu verorten.

 

„Macht an sich“, so die Autorin pragmatisch, ist weder gut noch böse. (…) Macht ist einfach nur ein Mittel zum Zweck, eine alltägliche, soziale Interaktion zur Durchsetzung von Interessen.“ (S. 13) „Gutmenschen“, die auf überkommene Werte wie Vertrauen und Glaubwürdigkeit setzen – und diese auch von ihrem Gegenüber erwarten –, laufen aber Gefahr, fortwährend getäuscht, enttäuscht und gekränkt zu werden, weiß Bauer-Jelinek zu berichten, denn die Prinzipien der „guten alten Welt“ haben ihre Gültigkeit“ verloren. In der „schönen neuen Welt“ des Neoliberalismus, dessen Gesetzte von „Geldmenschen“ geschrieben und dominiert werden, bedeute Authentizität nicht etwa „Echtheit“ und „Ehrlichkeit“, sondern ziele vor allem auf  die „Inszenierung von Glaubwürdigkeit“ ab (vgl. S. 104). [Es erscheint durchaus lohnend, den aktuellen Diskurs um die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen – Stichwort CSR – auch unter diesem Gesichtspunkt mit zu reflektieren (vgl. Nr. xy).] „Moralisieren und Missionieren“, „Emotionalisieren und Psychologisieren“ sowie „Solidarisieren und Verzichten“, die bevorzugten Machtsstrategien der Gutmenschen – zwei Drittel von ihnen sind mutmaßlich „weiblich“ (S. 49) –, verfehlen bei Geldmenschen die intendierte Wirkung, warnt die Autorin. Für letztere nämlich stehe das „Ich“ im Zentrum. In der „schönen neuen Welt“ werde schnell und mit versteckten Karten gespielt („Speed and splash“), unter der Devise „Stroytelling and Selling“ zählten vor allem „Facts and Figures“. Offene Konflikte würden hingegen gar nicht erst zugelassen.

 

Anders als der Titel es nahe legt, setzt Bauer-Jelinek nun nicht vorbehaltlos auf die Seite der Sieger. Sie verweist nicht nur auf die emotionale wie ökonomische Belastung, der Geldmenschen in Verfolgung ihrer Ziele ausgesetzt sind, sondern hält vor allem für die scheinbaren Verlierer eine Reihe von Strategien bereit, um sich in quasi vermintem Terrain zu behaupten. Neben der Ausbildung von Kompetenz sei für Gutmenschen „machtstrategisch“ vieles zu lernen: Gegenüber dem/der Vorgesetzen/Verhandlungspartner sei Inszenierung (nach der Devise „Pokerface und Hollywood“) ebenso gefragt wie die Kontrolle von Emotionen oder das Abschätzen von langfristigen Zielen, rät die Autorin. Offenheit und Ehrlichkeit bleibe hingegen für die (privaten) „Herz-Beziehungen“ reserviert! (vgl. S. 117) Vorsicht sei aber auch gegenüber Win-Win-Versprechen geboten, denn sie bedienten „in nahezu perfekter Weise das Macht-Tabu“ (S. 122). Sich – als Gutmensch – der eigenen Ziel bewusst zu sein, ggf. auch Kompromisse anzubieten, den eigenen Nutzen im Auge zu behalten und dafür, wo nötig, auch zu kämpfen, sei zielführend, wo Gewinn in Aussicht gestellt werde. Mit einem klaren Votum für die Anerkennung hierarchischer Strukturen und der Empfehlung an die von der Autorin mit Wertschätzung und Sympathie bedachten Gutmenschen, ihre berufliche Aufgabe in Anbetracht ihrer emotionalen und fachlichen Kompetenz bedachtsam zu wählen, schließt dieser Band. Gutmenschen dürfte es auch nach der Lektüre dieses Titels nicht leicht fallen, sich der Macht-Prinzipien der „schönen neuen Welt“ souverän zu bedienen. Eine sachlich kompetente Orientierungshilfe finden sie in diesem Band allemal. W. Sp.

 

Macht – Politik Bauer-Jelinek: Christine: Die geheimen Spielregeln der Macht und die Illusionen der Gutmenschen. Salzburg: ecowin-Verl., 2007. 188 S. € 22,- sFr 38,-

 

ISBN 978-3- 902404-41-1