Birgit Mandel

Kulturvermittlung zwischen kultureller Bildung und Kulturmarketing

Ausgabe: 2007 | 2

Ist Kulturvermittlung eine Profession? Bisher – und wohl auch in Zukunft – nicht im Sinne geregelter Ausbildungslehrgänge und standardisierter Zertifikate, sehr wohl aber im Hinblick auf die Notwendigkeit einer professionellen Ausbildung, argumentiert einleitend die Herausgeberin. Brigitte Mandel, Kulturwissenschaftlerin und -managerin in Berlin, hat mit dem hier vorgestellten Sammelband eine facetten- und faktenreiche Dokumentation vorgelegt, die das breite Spektrum des Gegenstandes in überzeugender Weise ausleuchtet: „Kulturvermittlung“, so Mandel, „bewegt sich heute zwischen den Wissenschafts- und Bildungsansprüchen der so genannten Hochkulturinstitutionen und dem Erlebnishunger der breiten Bevölkerung. (…) Kulturvermittlung ist nicht nur Verständnishilfe zwischen Kunst und Publikum, sondern meint auch, die spezifischen Stärken der Künste für das Zusammenleben im Alltag zu nutzen, ihre Fähigkeit, kommunikative Prozesse in Gang zu setzen, die Wahrnehmung auf das Gewohnte zu verrücken [sic!], zu zeigen, dass alles auch ganz anders sein könnte.“ (S. 16). Kulturvermittlung, so ein überraschender Befund, ist zudem ein Beruf mit Zukunft: Innerhalb von zehn Jahren, zwischen 2000 bis 2010, so prognostiziert eine EU-Studie, ist mit einer Verdopplung der im Kultursektor Tätigen von 7 auf 14 Millionen zu rechnen, und im „EU-Vergleich weist Deutschland mit insgesamt 780.000 Beschäftigten die meisten Arbeitsplätze im Kulturbereich (…) auf.“ Um nicht weniger als 31 Prozent stieg die in diesem Segment Engagierten allein zwischen 1995 und 2003 (S. 18f.). Zudem gibt es in Deutschland bereits mehr als hundert Aus- und Weiterbildungslehrgänge im Bereich der außerschulischen Kulturvermittlung. Dennoch ist nicht alles eitel Wonne. Vor allem in Anbetracht rückläufiger öffentlicher Mittel, gelte es, so Birgit Mandel resümierend, „Balance zu halten zwischen pragmatischer Handlungskompetenz und der Befähigung zur Reflexion, zu visionärem Denken und zur Herausbildung eines kulturpolitischen Standpunktes“ (S. 20).

 

Die Auswahl der Beiträge leistet in dieser Hinsicht wertvolle Hilfestellung. So werden im ersten Teil Rahmenbedingungen der Kulturpolitik und -vermittlung ausgelotet. „Kultur für alle und von allen – ein Erfolgs- oder Auslaufmodell?“, „Kulturvermittlung und kulturelle Teilhabe – ein Menschenrecht“ oder „Kulturvermittlung braucht Kulturpolitik“ lauten die in diesem Abschnitt zur Diskussion gestellten Fragen und Positionen. Ein empirischer Befund zur Kulturnutzung und zum Kulturbegriff in Deutschland leitet über zu einem Blick auf Bedingungen und Möglichkeiten der Steuerung kultureller Teilhabe in Großbritannien, Frankreich und Österreich. Aspekte der Entwicklungsgeschichte und Zukunftsperspektiven der Materie werden in einem weiteren Abschnitt ausgelotet, wobei das Spektrum von der Kulturpädagogik und gemeinnütziger Kulturarbeit bis zur Kulturvermittlung als „Aufmerksamkeitsmanagement“ reicht. Ein Blick auf einschlägige Studienlehrgänge (in Berlin, Lüneburg, Hildesheim und Potsdam) leitet schließlich zum letzten Abschnitt über, in dem nicht weniger als 11 Praxisfelder und neue Ansätze präsentiert werden. Von innovativen museumspädagogischen Modellen, Kunstaktionen mit Kindern, Kulturarbeit mit arbeitslosen Jugendlichen und Sozialhilfeempfängern („SPACEWALK“) bis hin zum „Büro für Konzertpädagogik“ (Köln) spannt sich der Bogen spannender Projekte und Initiativen. In Summe eine rundum gelungene Annäherung an ein vielfältiges und zukunftsträchtiges Berufsfeld. Eine Zusammenstellung, die auch einen etwas verspäteten Hinweis mehr als nur rechtfertigt.