Lange waren der Soziologie – man denke etwa an die Position der Frankfurter Schule – die (elektronischen) Massenmedien als Herrschaftsinstrumentarien suspekt. Sie wurden – wohl nicht ganz zu Unrecht – verdächtigt, kritische Erkenntnis zu unterdrücken und darauf gründende gesellschaftspolitische Veränderungen zu sabotieren. Inzwischen werden die Massenmedien weitgehend differenzierter gesehen und ihnen eine maßgebliche Rolle in der Entstehung und Weiterentwicklung der modernen Gesellschaften zuerkannt. Welche Auswirkungen dieser Perspektivenwechsel für die „Theorie und Kritik der Medien“ (Abschnitt 1), auf „Medien und Kritische Praxis“ (Abschnitt 2), auf die „Kritik der Medien in den Medien“ (Abschnitt 3) sowie auf den Zusammenhang von „Medien, Öffentlichkeit und Kritik“ (Abschnitt 4) hat, dies war Gegenstand einer Tagung an der Universität Paderborn. Ausgewählte Befunde der im vorliegenden Band dokumentierten Veranstaltung seien an dieser Stelle in groben Zügen skizziert: Tilmann Sutter setzt sich zunächst grundlegend mit dem (aus seiner Sicht nicht haltbaren) Anspruch normativer Medienkritik auseinander. Da es in einer „funktional ausdifferenzierten, polykontexturalen Gesellschaft keine übergeordneten, privilegierten Standpunkte mehr gebe, könne es keine normativ zu begründende Medienkritik geben“ (S. 26). Massenkommunikation stehe vielmehr in vielfältigen Leistungsbeziehungen zu anderen gesellschaftlichen Teilsystemen wie Recht, Wirtschaft und Wissenschaft. Seine Disziplin sollte sich u. a. der Bedeutung von Massenkommunikation in diesen differenzierten Bezügen widmen, argumentiert der Bielefelder Soziologe. Ein Folgebeitrag lässt das Verständnis der Massenmedien in der Moderne als Kontroverse zwischen der Kritischen Theorie und dem rezeptionsorientierten Zugang des Cultural Sudies-Ansatzes Revue passieren. Praxisorientiertes kreist um Probleme und Möglichkeiten der Sozialdokumentarischen Fotografie (B. Becker), um Herausforderungen der Überwachungstechnik (L. Ellrich), um die Institutionalisierung der Medienkritik in Deutschland sowie um „Drei Arten der Fernsehkritik“ als „Beschäftigung mit der Inszenierung des Verständnisses von Realität“ (S. 184). A. Keppler schlägt diesbezüglich die Unterscheidung von Fundamental-, Einzel- und institutioneller Kritik vor.

 

Dass Medien immer auch in den Medien reflektiert wurden, wird beispielhaft am Schaffen des Avantgardfilm-Klassikers J.-L. Godard oder anhand der Manipulation von Fernsehbildern thematisiert. Der Frage, ob und inwieweit die (elektronischen) Medien schließlich dem Ziel der Aufklärung verpflichtet und dienlich seien, wird u. a. im abschließenden Kapitel nachgespürt. Ein Band, der eine Vielzahl medienrelevanter Aspekte thematisiert, vorrangig aber wohl nur Fachleute ansprechen wird. W. Sp.

 

Kulturindustrie reviewed. Ansätze zur kritischen Reflexion der Mediengesellschaft. Hrsg. v. Barbara Becker …. Bielefeld: transcript Verl., 2006. 292 S. € 27,80 [D], 28,65 [A], sFr 48,65

 

ISBN 978-3- 89942-430-0