Kapitalismus für alle

Ausgabe: 2005 | 4

Zur Ausgangslage: „Wohlstand für alle“, dies bedeutete für Ludwig Erhard, den Architekten des deutschen Wirtschaftswunders, noch das Versprechen hoher Wachstumsraten, steigender Realeinkommen und niederer Erwerbslosenquoten. Wenn heute von Wohlstand gesprochen werde, so sei damit nicht der Appell an Fleiß im Sinne der Beteiligung an der Arbeitsgesellschaft, sondern viel mehr das gleichermaßen vage wie verlockende Versprechen gemeint, als homo oeconomicus durch Teilhabe am Casino-Kapitalismus zu Wohlstand zu gelangen.

 

Ausgehend von historischen Beispielen der „Kapitalisierung der Lebenswelt“ wie etwa der „Tulpen-Spekulation“ der Jahre 1634/37 in den Niederlanden, beschreiben die Autoren – alle drei Sozial- bzw. Wirtschaftswissenschaftler – die Anomie des Geldes als „Zustand gesellschaftlicher Regellosigkeit“. Die „Autonomisierung des Geldes, so der Befund, dieses vom Mittels zur Existenzsicherung zu einem Medium abstrakter Verfügbarkeit im Interesse geschäftstüchtiger Einzelner verändert.

 

Das Versprechen des „Kapitalismus für alle“ (an dem freilich nur Wenige teilhaben), führt, wie im Folgenden dargelegt wird, nicht nur zur systemischen Veränderung der Ökonomie, sondern auch zur Ökonomisierung des Sozialen. Wurde einst an den Spartrieb der Bürger appelliert, so werden heute Freiheit und Erfolg als kulturelle Signale erfolgreicher Lebenssicherung propagiert.

 

Dieser Wandel hat es in sich: Denn wo Aktienhandel zum Teil der Alltagskultur (stilisiert) wird – tatsachlich besaßen im Jahr 2003 nur 17,25% der Deutschen Aktien oder Fondsanteile –, wird Geld zum Anlagemedium mit dem Charakter von Spiel und Wette. Dies mag auf den ersten Blick harmlos oder reizvoll erscheinen, hat aber zur Konsquenz, dass die Optimierung des Eigeninteresses an die Stelle gemeinwohlorientierter Politik tritt. Dies wiederum bedeutet, dass eine sichere Rente nicht weiter vom staatlichen Umlagesystem gewährleistet ist, sondern (günstigen Falls) durch privater Kapitaldeckung von jenen zu erzielen  ist, die „es sich leisten können“.

 

Die „Alchemie des Geldes“ führt nun, wie auch empirisch nachgewiesen wird, keineswegs zu einer Spaltung der Gesellschaft, sondern viel mehr zur Anerkennung der jeweils persönlichen Eigenverantwortung nach dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Scharfsichtig und überaus plausibel verweisen die Autoren auf die fatalen Folgen dieser Einstellung: Wo der Besitz von Aktien zum bedeutenden Faktor systemischer Loyalität wird, liegt auch der Weg zu einer „Demokratie der Aktionäre“ nahe. Mehr noch: Auf Grund des Prinzips „One share one vote“ ist die Entscheidungsgewalt auf wenige Großaktionäre konzentriert, während Kleinaktionäre so gut wie keine Möglichkeit zur Mitbestimmung haben.

 

Ausführlich beschrieben die Verfasser den Reiz des Casino-Kapitalismus, analysieren und hinterfragen den „Rausch der ökonomischen Rationalität“ und benennen die daraus resultierenden Folgen: „Die Abspaltung von allem, was der Privatperson wichtig und wünschenswert sein könnte, von dem, was der Anleger für wichtig hält, fällt hier besonders stringent aus“ (S. 112), denn sie bedeutet die „Privatisierung der Ethik“; zudem werde der „Quartalshorizont zur institutionalisierten Grenze der Verantwortung“. Der „Börionaismus als Habitus“ – so das Resümee – führt zur „Responsibilisierung des Glücks“, zur Privatisierung der Sozialpolitik und zur „Transformierung des Leistungsprinzips“, das unter den beschriebenen Bedingungen sich an der Verfügbarkeit von Spielkapital bemisst und damit Gier, Unberechenbarkeit und nicht zuletzt auch Kriminalität entscheidenden Elementen der systemischen Struktur macht. W. Sp.

 

Legnaro, Aldo; Birenheide, Almut; Fischer, Michael: Kapitalismus für alle. Aktien, Freiheit und Kontrolle. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2005. 241 S. € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 34,80

 

ISBN 3- 89691-616-5