Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?

Ausgabe: 2007 | 1

Einen völlig anderen Blickwinkel nimmt Klaus Halbrock ein, wenn er der Frage nachgeht, ob unsere Erde die Menschen noch ernähren könne. In der Neufassung seines vor 15 Jahren erschienenen Buches für die Fischer-Reihe des „Forums für Verantwortung“ beschreibt der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung in Köln die Entwicklung der Landwirtschaft im Kontext der Bevölkerungsentwicklung und der geänderten Ernährungsstile, die den Menschen mit Beginn des technisch-industriellen Zeitalters „vom Bedrohten zum Bedroher der Natur“ gemacht hätten. Halbrock sieht die Stärken und Schwächen der Grünen Revolution, ist jedoch überzeugt, dass die Ernährungssicherheit für 6 bis 8 Mrd. Menschen nur durch Intensivierung der Züchtungsforschung erreicht werden könne. Die Gentechnik bietet für ihn große Potenziale, resistentere Arten auch für schlechtere Klimaregionen sowie mehr Lebensmittel mit bedeutend weniger Pestizideinsatz (eine Negativfolge der Ersten Grünen Revolution) zu erzeugen. Auch Zukunftspläne wie die Verabreichung lebensrettender Impfstoffe über Nahrungsmittel hält der Experte für realistisch. Wie die neuen Züchtungserfolge den „einfachen Bauern in den Entwicklungsländern“ kostenlos zur Verfügung gestellt werden könnten, beschreibt Halbrock am Projekt des „Goldenen Reises“, eine erstmals im Jahr 2000 hergestellte transgene Reissorte mit Provitamin A-Gehalt. Die Reissorte wurde mit Unterstützung der Rockefeller-Stiftung von schweizerischen und deutschen Forschungsinstituten entwickelt, von einer Saatgutfirma zur Anwendungsreife optimiert und schließlich Kleinbauern in Ländern des Südens kostenlos zur Verfügung gestellt. Die zahlreichen Patentinhaber der benutzen Materialien und Methoden hatten sich verpflichtet, im Fall der Nutzung durch arme Kleinbauern auf Lizenzgebühren zu verzichten. Ob dieses Beispiel eine Eintagsfliege bleiben wird, ob es der in die Kritik geratenen Gentechniksaatgutbranche ein humanes Mäntelchen verpassen soll oder ob es ein Zukunftsweg werden könnte, ist wohl noch offen. Halbrocks Ausführungen sollen aber ernst genommen werden – er zitiert auch zahlreiche Stimmen aus den Ländern des Südens, die sich für gentechnisch verändertes Saatgut einsetzen. Nur seriöse Abwägung möglicher Gesundheitsrisiken (diese sind ja heute noch weitgehend eine Glaubenssache) kann weiterhelfen. Sind diese auszuschließen, dann wären nicht die Forschungen, sondern jene Geschäftspraktiken zu unterbinden, die aus den Forschungsergebnissen hohen Profit schlagen, anstatt Nahrung für alle zu erzeugen. H.H.

 

Hahlbrock, Klaus: Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren? Bevölkerungsexplosion – Umwelt – Gentechnik. Frankfurt: Fischer Taschenbuch-Verl., 2007. 318 S., € 9,95 [D], € 10,65 [A], sFr 17,20 ISBN 978-3-596-17272-6