Jahrbuch Ökologie 2006

Ausgabe: 2005 | 4

Wiederum einen bunten Strauß an relevanten Themen hat Udo E. Simonis, seit Jahren der Garant für die herausragende Qualität des „Jahrbuch Ökologie“, auch für die aktuelle Ausgabe des Öko-Klassikers zusammengestellt. Bereits zum 15. Mal erscheint dieses Standardwerk zur ökologischen Standortbestimmung in bewährter Struktur. Im ersten Abschnitt, den „Perspektiven“, leuchten Hermann E. Ott und Min-ku Chung die Chancen des „alten Europa“ als „strategischer Akteur für globale Nachhaltigkeit“ aus. Als „kooperative Weltmacht“, so meinen sie, könnte ein kosmopolitisch agierendes Europa der „politischen Globalisierung“ zum Durchbruch verhelfen. Die Bildung von Netzwerken und „hybrider Organisationen wird dabei als Erfolg versprechend angesehen. Brigitte Ömer-Rieder setzt sich in einem weiteren Beitrag mit „Nachhaltigkeitsinnovationen“ auseinander, die entweder auf Effizienz (Reduzierung von Stoffströmen), Konsistenz (qualitative Veränderung) oder Suffizienz (Wertewandel) abzielen und – so ein interessanter Befund – überwiegend vom „obersten Management“ initiiert werden. „Wind of Change“ übertitelt H. Kohl seinen Beitrag über erneuerbare Energien als Motor der Veränderung umweltpolitischer Denkweisen. Ehrgeizige Ziele – wie etwa die Deckung von 50 Prozent des Gesamt-Energieverbrauchs aus Erneuerbaren Energien, wie es Rot-Grün sich vorgenommen hatte, stehen unter geänderten politischen Vorzeichen freilich wieder zur Disposition.

 

Die „Schwerpunkte 2006“ bilanzieren unter jeweils unterschiedlichen Gesichtspunkten die rot-grüne Umweltpolitik. Hubert Weinzierl etwa plädiert für „Nachhaltige Lebensstile als Kulturentwurf“, für „Mehr Umweltstaat!“ votiert Martin Jänicke, und Andreas Troge attestiert der alten Bundesregierung, „trotz schwieriger Bedingungen Vieles auf den Weg gebracht“ zu haben. Die Themen der weiteren Schwerpunkte: „Naturverständnis heute“ (u. a. zum Naturverständnis der Ökonomie), „Genetisch veränderte Organismen“ (mit Beiträgen zum Haftungsrecht und zum Europäischen Patentrecht) sowie „Umwelt und Entwicklung“. In diesem Abschnitt hervorzuheben ist das gleichermaßen kritische wie überzeugende Resümee von Stefanie Christmann zu Kofi Annans zahnlosem Entwurf zur Reform der UN, der die zentralen Umweltgefahren (Klimawandel, Kampf um Öl und Wasser, Verlust von Arten und Böden) nicht benennt. Ob „die weitgehende Vermeidung von Themen, die ein rotes Tuch für die USA sind, freilich dem ‚Dialog’ nutzen“, sei dahingestellt.

 

Teil 3, wie gewohnt dem „Disput“ vorbehalten, ist, was den Titel anbelangt, natürlich als Provokation zu lesen: „Freie Fahrt für die Wirtschaft – Schluss mit dem Umweltschutz!?“, lautet die Frage, die – und das überrascht doch einiger Maßen – von den drei Diskutanten zwar unterschiedlich akzentuiert, aber doch mit viel Übereinstimmung im Kern beantwortet wird. Als „Vertreter der Wirtschaft“ spricht sich Klaus Mittelbach zwar „gegen Einseitigkeit(en) zugunsten der Ökologie“ aus, sieht aber anderseits „umweltverträgliche Produkte und Produktionsverfahren als Voraussetzung für eine umweltverträgliche Gesellschaft“ an. „Umweltschutz sichert Wohlstand“ (U. Schneidewind) und ein starkes Plädoyer für die „Effizienzrevolution“ als Instrument der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie (Ernst U. v. Weizsäcker) runden die „Auseinandersetzung“ ab.

 

Die Beiträge zur „Umweltgeschichte“ bieten unter anderem einen Rückblick auf die UN-Umweltkonferenz in Stockholm (1972) als Beispiel der Inszenierung von Ritualen, und verorten die AKWs in Stade und Obrigheim als „Anfang vom Ende der Atomenergie?“

 

Auch die weiteren Rubriken sind reich gefüllt mit Wissenswerten und Faktenreichem: dies gilt für die acht Beiträge im Kapitel „Exempel, Erfahrungen, Ermutigungen“, die „Spurensicherung“ (eine „Liebeserklärung an die alte Spiegelreflexkamera“) und die „Vor-Denker“ (mit Portraits von H. Thoreau, J. Lovelock und E. Chargaff) ebenso wie für die „Ökologie in Zahlen (mit „Umweltbarometer Deutschland“ zum Schwerpunktthema „Flächeninanspruchnahme“ und zum „Living Planet Report“).

 

Wie immer ist dieses Jahrbuch  weit mehr als nur eine Empfehlung wert. W. Sp.

 

Jahrbuch Ökologie 2006. Hrsg. v. Günter Altner. 2005. München: C. H. Beck, 2005. 288 S. mit 30 Abb. und 7 Tab. (beck’sche reihe; 1646) € 14,90 [D], 15,30 [A], sFr 26,10

 

ISBN 3-406-5282-0