„Es gibt überzeugende Hinweise darauf, dass wir dabei sind, eine Gesellschaft zu schaffen, in der man nicht einmal den einfachsten Gedanken zu Ende denken kann.“ Ein hartes Urteil fällt der an der Universität Oslo lehrende Kulturanthropologe Thomas H. Eriksen über die gegenwärtige Informations- und Entertainment-Gesellschaft. Der Autor redet nun nicht einer Welt ohne Internet oder neue Medien das Wort, es geht ihm nicht um die Abschaffung der modernen Informationsgesellschaft, sondern darum, „ein Verständnis ihrer nicht beabsichtigten Folgen zu gewinnen“ (S. 9). Eine seiner zentralen Thesen lautet, dass der ungehinderte und riesige Informationsfluss alle Lücken füllen wird: „Damit wird alles zu einer hysterischen Folge gesättigter Augenblicke ohne Vorher und Nachher, ohne Hier und Dort, durch die sie getrennt würden.“ (S. 15) Nicht mehr Eisenerz oder Weizen, sondern die Aufmerksamkeit anderer werde in der Wirtschaft zur knappsten Ressource; und auf der „Konsumentenseite“ die Kontrolle über die eigene Zeit: „Der Krieg um die freien Sekunden hat begonnen.“ (S. 40)

 

Nicht das World Wide Web oder das Mehrkanalfernsehen an sich, sondern die Tatsache der exponentiell wachsenden Fülle an Information führe vom linearen zum kaskadischen, frei assoziierenden Denken. Erikson spricht vom Phänomen der Stapelung: „Weil es keine freie Zeit mehr gibt, in die man die Information verteilen kann, wird die Zeit in immer kürzere Spannen komprimiert und gestapelt.“ (S. 156) Das Buch wird vom World Wide Web, die CD oder Langspielplatte von MP3 abgelöst, das Einkanal- durch Mehrkanalfernsehen, der Brief durch E-Mail und das fest installierte Telefon durch das Handy ersetzt. Damit korrespondiere der Wandel von der „Knappheit von Information“ zur „Knappheit der Freiheit von Information“. Der Grad des Verstehens wiederum falle dann proportional zum Wachstum der Informationsmenge.  („Wir wissen immer mehr und daher wissen wir immer weniger“, S. 208). Ähnlich sei die Relation zur Aufhebung von Entfernung durch Beschleunigung („Wenn das, was einmal fern war, nicht mehr fern ist, ist das, was einmal nah war, auch nicht mehr nah.“ S. 209). Die wachsende Fragmentierung schließlich führt nach Erikson zur Auflösung der Zeit („Wenn die Zeit in hinreichend kleine Einheiten zerstückelt ist, hört sie irgendwann auf zu existieren“, S. 210).

 

Was kann dagegen getan werden? Der Autor gibt abschließend einige Ratschläge, die die Beschleunigung nicht grundsätzlich verteufeln („Was schnell getan werden kann, sollte schnell getan werden.“, S. 215), dieser aber Grenzen setzen („Langsamkeit muss geschützt werden.“, S. 219) und sie durch Gelassenheit zähmen („Alle Entscheidungen schließen soviel ein, wie sie ausschließen“, S. 220). Das Wichtigste sei freilich, sich robuste und effiziente Filter zuzulegen, „die aus Geschmack, Werten, Interessen und Intuition“ bestehen. Denn: „Von den meisten Dingen braucht man nie etwas zu wissen.“ (S. 222) H. H.

 

Eriksen, Thomas H.: Immer schneller – immer mehr? Balance finden zwischen Beschleunigung und Ruhe. Freiburg u. a.: Herder, 2005. 237 S. € 9,90 [D], € 10,60 [A], sFr 17,40 ISBN 3-451-05627-5