„Ich will, dass etwas geschieht“

Ausgabe: 2006 | 2

Nachdem Sozialstaat, Arbeitsgesellschaft und Demokratie als Partizipationsgemeinschaft zu erodieren scheinen, ruhen die besonderen Hoffnungen für zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf den „neuen Alten“, die sich frei von den Zwängen des Erwerbslebens auf die Suche nach einem neuen Lebenssinn machen. Ob diese Hoffnungen nach wie vor berichtigt sind, versucht die vorliegende Dissertation zu klären. Mit Hilfe des so genannten Lebenslagekonzepts werden Bewussteins- und Handlungsmuster bei ausgewählten Personen (acht männliche Volkswagen-Mitarbeiter des Jahrgangs 1942, die über einen so genannten Altersteilzeitvertrag vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausschieden) eruiert. Daraus leitet sich die eigentliche Forschungsfrage nach der (berufs)biografischen Entstehung individuellen zivilgesellschaftlichen Handelns oder individueller Passivität in der nachberuflichen Lebensphase ab.

 

Das Lebenslagekonzept bietet sich nach Auskunft von Kirsten Aner insofern an, als damit die Dimensionen Einkommen und Bildung sowie beruflicher Status in ihrer Korrelation mit zivilgesellschaftlichem Engagement in der nachberuflichen Lebensphase berücksichtigt werden können. Mit der Methode „problemzentrierter Interviews“ wurden schließlich Handlungsmuster der Interviewten sowohl aus dem privaten wie auch beruflichen Lebensbereich rekonstruiert.

 

Die vorliegende Studie zeigt, dass sich Werte und Motive zur Stärkung von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten nur durch eine frühe und kontinuierliche Sozialisation und durch positive Erfahrungen mit einer „Kultur der Partizipation“ in verschiedenen Lebensbereichen etablieren und festigen können. Wenig erfolgversprechend sind hingegen Strategien der Erziehung und des Forderns. Als zwingend notwendig für zivilgesellschaftliches Handeln gilt jedenfalls die Anerkennung desselben. Doch der Strategie der „Ermöglichung“ durch Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen sind auch Grenzen gesetzt, etwa wenn Handlungsoptionen großer Teile der älteren Bevölkerung durch zunehmend schlechtere Partizipationsbedingungen (auch qualifizierter Arbeitskräfte) im Erwerbsleben durch die schrittweise Anhebung der Altersgrenzen für die Altersrente oder durch zunehmende soziale Ungleichheit stark eingeschränkt werden.

 

Zu Recht weist deshalb die Autorin darauf hin, dass die Vorstellung eines weit verbreiteten zivilgesellschaftlichen Engagements älterer Menschen nicht selbstverständlich bleiben muss und es sehr wohl sozialpolitischer Interventionen bedarf, um dieses Engagement zu ermöglichen und zu fördern. A.A.

 

Aner, Kirsten: „Ich will, dass etwas geschieht“. Wie zivilgesellschaftliches Engagement entsteht – oder auch nicht. Berlin: Ed. Sigma, 2005. 311 S., € 22,90 [D],23,60 [A], sFr 40,10 ISBN 3-89404-537-X