Grenzen der Bevölkerungspolitik

Ausgabe: 2007 | 2

Etwas anders akzentuiert die Politikwissenschaft den demographischen Diskurs und die Frage, ob durch politische Strategien die Geburtenrate wirksam gesteigert werden könne? Wieder einmal, so die Herausgeberinnen, braucht das Vaterland seine Frauen und Mütter. Zunächst geben sie sich jedoch verwundert über die Tatsache, dass in Zeiten, in denen unter dem allgegenwärtigen Stichwort der Globalisierung die angeblich beträchtlichen Steuerungsverluste des klassischen Nationalstaats (insbesondere in Gestalt des modernen Sozialstaat) immer wieder betont werden, und dann eben dieser Staat dazu ansetzt, mit einem nicht unbeträchtlichen finanziellen und rhetorischen Aufwand seine Steuerungsfähigkeit unter Beweis stellen zu wollen. Es stehen sich sozusagen die unregulierbare Ökonomie und die regulierbare Fertilität gegenüber. Dabei halten sich aber die feministischen Freuden in Grenzen: „Während es der Frauenbewegung um die Freiheit auf alle Wahloptionen ging, geht es gegenwärtig vor allem um die Freiheit, die inzwischen selbstverständlich gewordene Berufstätigkeit wieder an die alten familialen Pflichten zurückzubinden.“ (S. 9) Deshalb, so Diana Auth und Barbara Holland-Cunz, hat die Bevölkerungspolitik dort ihre Grenzen, wo sie aus dem Emanzipationsprozess nichts gelernt haben will. Nichts desto trotz bietet die demographische Frage für die Autorinnen eine „reale Chance auf nachholende Emanzipation“.

 

Zunächst werden in dem Band Rückblenden auf die 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts geboten und die Instrumente der Familienplanung in der Ära des Nationalsozialismus erörtert. Aus unserer Sicht interessanter ist die Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der jüngeren Familienpolitik in Deutschland. Diana Auth zeigt, dass die Ursachen für Kinderlosigkeit und das Hinausschieben von Kinderwünschen nicht durch familienfreundliche Steuerungsversuche, die an der sozialen Realität vorbei zielen, geändert werden kann. Für sie wird sowohl die generelle Steuerbarkeit von Fertilitätsentscheidungen als zu hoch eingeschätzt als auch die naive Vorstellung kolportiert, Frauen würden der gleichstellungspolitischen Mogelpackung auf den Leim gehen und sich als Mütter und Arbeitskräfte instrumentalisieren lassen.

 

Weitere Beiträge konzentrieren sich auf die finanziellen, juridischen Anreize und Sanktionen, mit denen Bevölkerungspolitik steuernd und gestaltend wirken möchte. Juliane Roloff zeigt jedoch, welch geringe Bedeutung familienpolitische Maßnahmen bei der konkreten Entscheidung für oder gegen Kinder haben. Am Beispiel der pronatalistischen Familienpolitik der DDR wird deutlich, wie begrenzt einschlägige Maßnahmen sind. Ein Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich (Corinna Onnen-Isemann) zeigen sich Differenzen in Bezug auf die Arbeitsmarktpolitik gegenüber Müttern und das jeweils unterschiedliche gesellschaftliche Leitbild (vgl. Rezension Hondrich, Nr. xy). Für Deutschland prognostiziert die Autorin steigende Kinderlosigkeit, sollte die Vereinbarkeitsproblematik (zwischen Beruf und Familie) nicht gelöst werden. Ausdrücklich betont Onnen-Isemann, dass demographische Problemlagen nur durch unangemessene gesellschaftliche Verhältnisse und nicht durch zu hohe oder zu niedrige Geburtenraten erzeugt werden. Daher müsse versucht werden, die traditionellen Familienkonzepte zu modernisieren, um eine zeitgleiche berufliche Orientierung beider PartnerInnen zu ermöglichen. A. A.

 

Grenzen der Bevölkerungspolitik. Strategien und Diskurse demographischer Steuerung. Hrsg. v. Diana Auth … Opladen (u. a.): Budrich, 2007. 199 S., € 18, 90 [D], 19,50 [A], sFr 33,10

 

ISBN 978-3-86649-047-5