Die Welt wird immer unübersichtlicher und verwirrend, außerdem werden wir hundert Jahre alt. Davon unbeeindruckt benehmen wir uns die letzten achtzig Jahre unseres Lebens weiter wie 22jährige, so oder ähnlich lautet nach eigenen Angaben der „unwissenschaftliche Ansatz dieser Arbeit“. Die Gegenwartsanalyse steht unter dem Motto: „Es stimmt vielleicht nicht immer alles, aber wenn’s lustig wird, war etwas Wahres dran.“ (S. 10)

 

Und es geht in dieser Tonart weiter. Sascha Lehnartz, ehemaliger FAZ-Redakteur, hat es nicht einfach. So wie seine gesamte Generation, mit Jahrgang 1969 torkelt der auch nicht mehr so junge Jungautor orientierungslos durch das Konsumzeitalter. Geborgenheit und Werte sind dahin. „Gerade hat etwas begonnen, da ist es auch schon wieder zu Ende. Kaum noch ein Verhältnis dauert länger als man braucht, um das Wort Multioptionsgesellschaft mit einem Maulbeer-Muffin im Mund auszusprechen.“ (S. 259) Unser Lebensgefühl ist geprägt von einer tief greifenden politischen, moralischen und ästhetischen Orientierungslosigkeit. Wir glauben nichts mehr, und weil wir nichts mehr glauben, glauben wir jeden Mist.

 

Früher hatte noch jeder seinen Platz und die Welt klare Strukturen. Der Erwachsene war eine anerkannte Autoritätsperson. Doch dann rebellierte die Popkultur gegen die starre Erwachsenenwelt und hob die Hierarchien aus den Angeln. Für Lehnartz haben aber nicht die „68er“ die Gesellschaft liberalisiert, denn die Konsumindustrie war immer schon vorher da.

 

Die Gegenkultur beschreibt der Autor als Marsch durch die Illusionen. Inzwischen ist die Gegenbewegung ohnehin – 50 Jahre nach Elvis – längst zum Mainstream geworden und „alle, auch die Rentner, sind heute jugendbewegt“, meint Lehnartz. Der „Kult der Jugendlichkeit, den der globale Markt propagiert, sei nichts weniger als ein permanenter Anschlag auf die Bedingungen der Möglichkeit, ansatzweise so etwas wie Charakter zu entwickeln. Statt gelassener, gereifter, ja, weiser, in Würde gealterter Erwachsener werden wir eine stetige Kohorte alternder Stenze und Diven erleben". (S. 56) Für Lehnartz gelte es also, wenigstens ab und zu den Versuch zu unternehmen, trotz allem irgendwie erwachsen auszusehen, und das, obwohl beinahe schon alle fünf Jahre eine neue „Generation“ entdeckt wird, und es daher nicht leicht ist, „damit klarzukommen, dass nichts mehr klar ist“.

 

Lehnartz räsoniert darüber, warum ihm nicht irgendwer hilft, in seinem Kopf Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. „Warum bin ich so ein Datenmüllschlucker geworden?“ Und er hat einen Verdacht: „Schuld sind die Globalisierung, der Pop und die Postmoderne. Vielleicht auch noch die Agenda 2010 und die Hirnforschung. Aber wahrscheinlich nur die ersten drei, von denen ich manchmal befürchte: Sie sind ein und dasselbe.“ (S. 20)

 

Aber was ist zu tun, fragt man sich nach dieser überaus amüsant und witzig zu lesenden „trendigen“ Gegenwartsanalyse: „Wir können noch so sehr erwachsen werden wollen, diese Globalisierung wird uns nicht mehr in Ruhe reifen lassen. Sie wird uns noch so heftig durch die Welt scheuchen, dass wir irgendwann vergessen haben werden, in welcher Vorstadt wir eigentlich wohnen. (S. 272) Alles was wir bräuchten, wäre eine einzige gute neue Idee.“ (S. 275)

 

Na dann machen wir uns mal auf die Suche. A. A.

 

Lehnartz, Sascha: Global Players. Warum wir nicht mehr erwachsen werden. Frankfurt/M.: Fischer, 2005. 285 S., € 12,90 [D], 13,30[A], sFr 23,50

 

ISBN 3-596-16368-4