Der Untertitel dieses Buches ist etwas irritierend. Die Reflexionen des Salzburger Philosophen und Theologen Clemens Sedmak über das geglückte, das gelingende Leben richten sich nicht an Kinder, sondern an uns Erwachsene. Dabei erteilt Sedmak keineswegs Ratschläge, er macht auch keine Vorhaltungen, vielmehr – und das macht das Buch so ehrlich – zeigt er sich selbst als Suchenden. Das geglückte Leben charakterisiert der Autor an vier Merkmalen, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist: als gestaltetes, begnadetes, erfülltes und fruchtbares Leben. Entscheidungen so zu treffen, dass man das „Steuerrad“ selbst in der Hand behält, das heißt, dass man weiterhin entscheidungsfähig bleibt, mache das „gestaltete Leben“ aus. Und doch liegt nicht alles in unserer Hand. „Manches fällt zu, vieles fügt sich.“ So sind wir auch auf Gnade angewiesen. Weiters gehe es darum, über sich selbst hinaus zu wirken, Samen zu säen, Spuren zu hinterlassen. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ – mit diesem Bibelspruch verweist Sedmak nicht so sehr auf das Tätigsein im Sinne von Produktivität, sondern auf die Bedeutung des eigenen Seins für andere, auf die Fähigkeit, durch Bindung zum Wachsen und Gedeihen anderer beizutragen. Entscheidend dabei sei die „Verweigerung der Gleichgültigkeit“. Dies führt schließlich zum „erfüllten Leben“, das nicht zu verwechseln ist mit einem „überfüllten“ oder „angefüllten“ Leben. „Unser Leben ist nicht dazu da, vertrödelt zu werden“, so Sedmak pointiert. Es gehe darum, seine Aufgabe zu finden, die mit „Hingabe“ zu tun hat, mit dem Einsatz für eine größere Sache. Im Zentrum der Ausführungen steht freilich die Hingabe an ein „Du“, an andere Menschen. Das gilt für den Partner oder die Partnerin und insbesondere für die Kinder, die unsere Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Denn: „Einen Menschen zu lieben heißt, sich von diesem Menschen unterbrechen zu lassen in seinen Lebensplänen, in seinen Beschäftigungen, in seinen Wertmaßstäben und Prioritätenlisten.“ Das wäre unserer auf Events fixierten Selbstinszenierungsgesellschaft wohl ins Stammbuch zu schreiben!

 

Der Autor abstrahiert freilich von den realen Gegebenheiten etwa am Arbeitsmarkt oder den Zwängen der Konsumgesellschaft. Er appelliert ans Individuum, lädt dazu ein innezuhalten, sein eigenes Leben zu überdenken. Dies hat seine Berechtigung: unser Leben ist nicht (nur) durch die Umstände determiniert, in die wir geworfen sind. Es ist liegt an jedem Einzelnen, seinem Leben „Gestalt“ zu geben. Und doch täte einer Reflexion über ein geglücktes Leben gut, auch jene gesellschaftlichen Werteprioritäten zu problematisieren, die ein auf Konkurrenz und Konsum aufgebautes Wirtschaftssystem setzt. So ließe sich zeigen, wo und wie die gegenwärtigen Strukturen der Arbeits- und Wirtschaftswelt den vom Autor angezeigten Maßstäben entgegenstehen. Dies leistet das Buch nur begrenzt, etwa in den Ausführungen über Solidarität und der Unterscheidung zwischen „kooperativen Gütern“, die mehr werden, wenn man sie teilt (wie Gemeinschaft), und „kompetitiven Gütern“, die durch Teilen dezimiert werden (das sind im Wesentlichen unsere auf individuellen Besitz ausgerichteten Konsumgüter). H. H.

 

Sedmak, Clemens: Geglücktes Leben. Was ich meinen Kindern ans Herz legen will. Wien u.a.: Styria, 2006. 126 S. € 16,90 [D], € 17,20 [A], sFr 27,90 ISBN: 978-222-13208-7