Für eine humane Revolution

Ausgabe: 2012 | 4

„Phantasie an die Macht“ war ein plakatives Motto der 68er-Bewegung und Robert Jungk wollte zu Lebzeiten diesem Leitspruch zum Durchbruch verhelfen. Adelbert Reif thematisiert in einem Gespräch aus dem Jahre 1975 wohl deshalb zunächst die realen Durchsetzungschancen für die schöpferische Phantasie des Einzelnen. Jungk geht selbstverständlich davon aus, dass durch eine Reihe von Krisensituationen um die Jahrtausendwende die Menschen Neuerungen entwickeln und deshalb die Chancen für Veränderungen steigen würden: „Die Phantasie kommt an die Macht, indem sie Chancen wahrnimmt, bei denen Phantasie dringend verlangt wird. Aber sie kann durch den Entwurf neuer wünschbarer Zukunftsmodelle solche kritischen Gelegenheiten auch selbst schaffen helfen.“ (S. 7)

 

Im Verlaufe des Gesprächs werden einige Aspekte angesprochen, die Robert Jungk in seinem publizistischen Wirken und seinen politischen Handlungen umtreiben. Unter anderem geht es ihm darum, die traditionellen, konservativen politischen Strukturen zu unterwandern. Herkömmliche „Denkfabriken“ hätten nämlich nichts anderes im Sinn, „als die herrschenden Zustände der Gegenwart in die Zukunft hinein zu verlängern, also das falsche Bewusstsein und den falschen Konsum nicht nur zu institutionalisieren, sondern womöglich noch zu verewigen“ (S. 20). Vor diesem Hintergrund darf nach Ansicht Jungks Zukunftsdenken nicht mehr Privileg einiger weniger Experten sein; vielmehr sollte die Beschäftigung mit der Zukunft zu einer Angelegenheit aller werden. (vgl. S. 20) Als Foren für die Beschäftigung mit der Zukunft und Partizipation des Einzelnen stellt Jungk einmal mehr die von ihm entwickelten Zukunftswerkstätten und die von Peter C. Dienel propagierten Planungszellen als Werkzeuge der Beteiligung am politischen Geschehen vor.

 

Umverteilung ohne Revolution

 

In der Folge kritisiert Jungk eine unternehmerische Bilanzierung, die nur zeigt, was verdient wurde und nicht „welche Lasten und Verluste der Öffentlichkeit dadurch aufgebürdet wurden, Lasten, an denen sie Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte wird tragen müssen.“ (S. 27) Man müsse, so seine Einschätzung, den Managern Alternativen anbieten, ihnen zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, als immerzu „für die Steigerung von Produktion und Profit zu schuften“. „Man müsste ihnen eigene Zukunftschancen in einer gerechteren und humaneren Gesellschaft in Aussicht stellen.“ (S. 9) Aktuelle Bezüge zur Diskussion rund um „common goods“ (Gemeinschaftsgüter) zeigen, dass Jungks Ideen diesbezüglich keineswegs reine Utopie waren. Er war  offenbar seiner Zeit weit voraus und hat seine Ideen für Viele viel zu früh publiziert. Wohl etwas zu optimistisch glaubt er auch an eine Neuverteilung des Kapitals. „Aber ich gehe davon aus, dass in einer neuen Gesellschaft Geld keine so große Rolle spielen wird wie jetzt.“ (S. 11) Unvermeidlich scheint ihm ein idealistisch geprägter Kommunismus. Revolutionäre politische Umwälzungen in den westlichen Industrieländern sind aber für ihn ganz unmöglich. Nur der evolutionäre Weg, „der durch Veränderung des geistigen Klimas, durch soziale Experimente, durch schrittweise Veränderung der Gesellschaftsstrukturen eingeschlagen wird“, scheint ihm realistisch (S. 36).

 

Für soziale Experimente

 

Einmal mehr plädiert Jungk für radikale soziale Experimente, obwohl „die Technik des sozialen Experimentes nur ungenügend entwickelt“ ist und er glaubt an die „sozialen Simulationen“, denn damit „können wir mit den EDV-Geräten auch neue soziale Vorschläge, neue gesellschaftliche Formen durchspielen“ (vgl. S. 15f.).

 

Jungk spricht von der pädagogischen, „für die Zukunft lehrreichen Methode des Experimentierens“. Wichtig scheint ihm dabei auch die vielfältige Veröffentlichung dieser sozialen Erfindungen und Versuche, damit neue Formen der Arbeit, Erziehung, Ehe und der Demokratie (usw.) auch öffentlich gemacht und diskutiert werden können. „Wir brauchen mehr Informationsverarbeiter, zu denen die Öffentlichkeit Zutrauen haben kann“ und die aus der Fülle zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen unterschieden helfen (vgl. S. 24). „Das ist ja im Grunde die Rolle der Publizisten“, die als „Übersetzer“, als Vermittler zwischen Öffentlichkeit und Experten und zwischen den Fachwelten wirken. Anders als bei WikiLeaks sollte diese Klasse der neuen Informationsvermittler eine Art hippokratischen Eid ablegen, dass sie das zu vermittelnde Wissen nicht missbrauchen werden (S. 25), und schließlich sei der Gesetzgeber gefordert, die vielfältigen Formen der Geheimhaltung aufzuweichen. (vgl. 26) Alfred Auer

 

 

 

Jungk, Robert: Plädoyer für eine humane Revolution. Ein Gespräch mit Adelbert Reif. Zürich: Die Arche, 1975. 40 S.