Ernährungswende

Ausgabe: 2006 | 2

Ernährung wurde bislang immer sektoral betrachtet: Die Ernährungswissenschaft konzentrierte sich allein auf die „physiologisch ausgewogene Ernährung“, die Umweltwissenschaft auf die ökologischen Implikationen. Die im Zuge des Wellness-Booms an Bedeutung gewinnende Vermarktung der Gesundheit wiederum stellt nur auf einzelne Produkte oder gar Präparate (Functional Food) ab. Ernährung als Teil von Esskultur und Lebensstil sowie ihre Einbettung in den Alltag der Menschen blieben dabei außen vor. Die Frage, „wie eine nachhaltige Ernährung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln an Zeit und Geld im jeweiligen Alltag realisiert werden kann“, wurde nicht gestellt.

 

Im Zentrum des hier dokumentierten Forschungsprojekts „Ernährungswende“ stand daher ein ganzheitlicher Ansatz, der die Lebenswelt(en) der Menschen berücksichtigt und auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick nimmt. Eine Ernährungswende sei nur dann erfolgreich, so die Ausgangsthese, „wenn Ernährung umweltverträglich und gesundheitsfördernd ist, wenn sie alltags-

 

adäquat gestaltet ist und soziokulturelle Vielfalt ermöglicht“.

 

Dabei treten Aspekte in den Mittelpunkt wie „Ernährungskommunikation“, „Verantwortungsteilung“ (Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Handel, Gastronomie oder Großküchen sind ebenso in die Pflicht zu nehmen wie die KonsumentInnen) sowie „Kompetenzenstärkung“ (gefordert sind Kochkompetenz, Konsum-, Finanz- und Gesundheitskompetenz sowie die Fähigkeit, Informationen beschaffen, auswählen und beurteilen zu können). Der Forschungsansatz differenziert zwischen unterschiedlichen Ernährungstypen, die in ihren jeweiligen Alltagsrealitäten „abgeholt“ werden müssen. So sind die „desinteressierten Fastfooder“ oder die „gestressten AlltagsmanagerInnen“ anders anzusprechen als etwa die „fitnessorientierten Ambitionierten“ oder die „ernährungsbewussten Anspruchsvollen“. Am Beispiel Schule wird gezeigt, dass ohne strukturelle Veränderungen (Umbau der „Settings“) keine Ernährungswende machbar ist. Die körper- und bewegungsfeindlichen Zeitrhythmen des herkömmlichen Unterrichts müssten Strukturen weichen, in denen Essen „selbstverständlicher Bestandteil schulischen Lebens- und Bildungsraums“ wird.

 

Aufgeräumt wird schließlich auch mit umweltbezogenen „Mythen“, etwa dass vorverarbeitete Lebensmittel per se ökologisch schlechter seien und dass Gütertransporte für Lebensmittel sowie Verpackungsmaterial die Hauptumweltbelastungen im Bedürfnisfeld Ernährung verursachen. Hinsichtlich Energie-, aber auch Gesundheitsbilanz wiege etwa der hohe Fleischverzehr gewichtiger (im doppelten Sinne) als regionale oder biologische Lebensmittel, auch wenn es für beide „gute Argumente“ gäbe (Agrobiodiversität, regionale Wirtschaft usw.).

 

Die AutorInnen plädieren für ein Nachhaltigkeitssiegel, das die ganzheitlichen Auswirkungen von Lebensmitteln und „Außer-Haus-Verzehr“ widerspiegelt, sowie für einen Wechsel der Wahrnehmung weg von der Frage „Wie müssen wir uns ernähren?“ hin zu „Wie wollen wir uns ernähren?“ H. H.

 

Ernährungswende. Eine Herausforderung für Politik, Unternehmen und Gesellschaft. Hrsg. v. Ulrike Eberle u. a. München: ökom-Verl., 2006. 210 S., € 29,80 [D], 31,90 [A], sFr 52,40 

 

ISBN 3-86581-008-X