Der Leopold-Kohr-Akademie und dem Otto Müller-Verlag ist zu verdanken, dass Leopold Kohrs Schriften ab sofort in gesammelter Neuauflage zugänglich sind, so auch das 1973 erschienene Buch „Development without Aid“, das nunmehr erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Ähnlich wie Entwicklungskritiker der Schule Ivan Illichs oder die aktuelle Analyse des britischen Ökonomen William Easterly „Wir entwickeln die Welt zu Tode“ (s. Nr. xy) plädiert Kohr für eine eigenständige, aus eigenen Kräften erwirkte Entwicklung erst am Beginn der Industrialisierung stehender Länder. Ausgehend von seinen in anderen Werken ausführlich dargelegten Vorteilen kleinräumiger Gesellschaften analog den Stadtstaaten der Renaissance beschreibt der Philosoph des „menschlichen Maßes“ einen mehrstufigen Entwicklungsweg, der nicht nur ohne fremde Hilfe auskommt, sondern zunächst auch ohne Handelsverschränkungen. Beides würde Gesellschaften mit einfachen Ökonomien nur schaden und in Abhängigkeit der Großen bringen, so Kohrs Überzeugung. Zu beginnen sei mit einer autarken Landwirtschaft kleiner „Dorfstaaten“: „Bewässerungskanäle, aufgeräumte Wälder, Fischweiher, Wiesen, gesunde Viehherden, Äcker, Obstgärten, Scheunen, Steinbrüche und, an einer Flussbiegung oder auf einer Anhöhe, ruhig und friedlich aneinandergedrängt: stabile Häuser, eine Bäckerei, eine Metzgerei, eine Schule, eine Kirche, ein Wirtshaus, ein Platz – das Dorf.“ (S. 115) Der landwirtschaftlichen Revolution könne dann die „Fertigungsrevolution“ folgen, Erst der dritte Schritt wäre – wenn überhaupt sinnvoll – die Etablierung von Nationalstaaten und Nationalökonomien.

 

Kohr plädiert für eine Konzentration des Wirtschaftens auf die Herstellung von für den Alltag benötigten „Lebens-Mitteln“, eine Wirtschaftsweise, die allen Menschen sinnvolle Arbeit gibt und zugleich Identität stiftet. Entwicklungshilfegelder, Kredite sowie importierte Konsumgüter würden die eigenständige Entwicklung nicht fördern, sondern behindern, und der Export billiger Rohstoffe das eigene Land nicht weiterbringen, so seine Überzeugung.

 

Auch wenn sich die Welt seit der Erstveröffentlichung des Buchs diametral anders entwickelt hat: das Auseinanderdriften der Gesellschaften in Arm und Reich, die Verschuldungsfalle, die Probleme der ungebremsten Urbanisierung und die Entwicklungslethargie vieler Staaten geben dem Autor wohl Recht. Das Rad der Geschichte lässt sich schwer zurückdrehen, Ansätze eines konsequenten Lokalismus könnten aber gerade als Gegenbewegung zur Umwandlung der Welt zu einer globalen Produktions- und Markthalle neuen Aufschub erhalten – bei uns und in den Ländern des Südens. Leopold Kohr ist hierfür ein hochaktueller Ratgeber. H. H.

 

Kohr, Leopold: Entwicklung ohne Hilfe. Die überschaubare Gesellschaft. Salzburg: Otto Müller-Verlag, 2007. 252 S. € 20,- [D], € 21,40 [A], sFr 33,- ISBN 978-3-7013-1129-3