Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends

Ausgabe: 2007 | 2

Die Experten sind sich in dieser Frage ausnahmsweise einig, die Erde erwärmt sich. Extreme Wettersituationen, Dürre und Hochwasser, Wirbelstürme, abschmelzende Gletscher und Schneekatastrophen sind für viele die ersten Anzeichen: Zwischen 2 und 4,5 Grad Celsius werden die Temperaturen im Durchschnitt ansteigen. (Das IPCC rechnet abhängig von den Zuwachsraten aller Treibhausgase und dem angewandten Modell bis 2100 mit einer Zunahme der globalen Durchschnittstemperatur um 1,1 bis 6,4 Grad Celsius.) Allein Deutschland könnten die Wetterkapriolen der Versicherungswirtschaft in den nächsten Jahren 330 Milliarden Euro kosten.

 

Die Daten und Fakten sind weitgehend bekannt und längst in Tabellen und Übersichtstafeln sowie in Protokollen diverser Klimagipfel dokumentiert. Für den Münchner Zoologen, Evolutionsbiologen und Ökologen Josef H. Reichholf sind sie jedoch nur ein Faktor von mehreren, die bei seiner spannenden Reise in die Naturgeschichte des letzten Jahrtausends eine Rolle spielen. Die Sicht auf die Vergangenheit zeigt, welche Veränderungen unsere Erde und unser Lebensraum in Mitteleuropa durchgemacht haben, welchen Herausforderungen Pflanzen, Tiere und Menschen immer wieder gegenüberstanden und dass Kultur- nicht ohne Naturgeschichte zu verstehen ist. Der Autor geht davon aus, dass es ein tieferes Verständnis wohl nur geben kann, „wenn man die Zeit und Geschichte in die Betrachtungen und Bewertungen der laufenden Vorgänge mit einbezieht“.

 

Klimaänderungen, das zeigt der Blick auf das vergangene Jahrtausend, sind ein Bestandteil unserer Geschichte. Sie sind nicht weniger einschneidend als etwa die Erfindung des Buchdrucks oder die Einführung der Dampfmaschine. Ob Wärme oder Kälte, immer folgte ein umfassender Gestaltwandel, der fast alle Lebensbereiche betraf.

 

Der Blick Reichholfs auf das letzte Millennium – mit gelegentlichen weiteren Rückblicken und globalen Betrachtungen – veranlasst ihn auch angesichts der anstehenden Erderwärmung zu folgender Bewertung von hohen und tiefen Celsiusgraden: „Historisch sind Warmzeiten gute Zeiten“. Damit meint er ausdrücklich auch Phasen, in denen es deutlich wärmer war als heute. Vergessen scheinen die Klimaforscher seiner Ansicht nach zu haben, dass ihre Sprachregelung genau dies eigentlich auch nahe legt: Extreme Warmzeiten gelten nicht als „Maxima“, also Höchstwerte, sondern stets als „Optima“. Ein gutes Klima – durchaus wärmer als heute – ermöglichte es im „strahlenden Herbst der Antike, mit fast gletscherfreien Alpen“, einem gewissen Hannibal die Alpen zu überqueren.

 

Der Zusammenbruch des weströmischen Reiches und seiner Kultur, die Wirren der Völkerwanderung – „sie fanden im bitter kalten und dunklen Winter statt“, der folgte. Er trieb viele Stämme aus dem unbewohnbar geworden Nordosten in den Südwesten. Bis dann etwa zur runden Jahreszahl 800 der Frühling einsetzt – rechtzeitig zur Krönung Karls des Großen und dem Beginn des Mittelalters. Damals wie heute allerdings gab es Klimagewinner und Klimaverlierer. Profiteure der Kälte waren jene, die aus dem Osten kamen: die Mongolen. Ihre satten Weidegründe grünten plötzlich so weit nach Westen, dass die Reiternomaden ein ums andere Mal Europa verheeren konnten. Die ersten Opfer des „Kältewinters“ im späten Mittelalter waren die „weisen Frauen“ (Hexenverbrennungen). Und es wurde noch kälter – die so genannte „Kleine Eiszeit“ zur Zeit des Absolutismus – war dann auch bis heute der Kältehöhepunkt.

 

Für Reichholf, er ist auch Präsidiumsmitglied des deutschen WWF, zog diese Periode, die nach dem Abklingen des mittelalterlichen Wärmeoptimums um 1500 mit einigen Schwankungen bis 1715 anhielt, zwei lebensweltliche Änderungen nach sich: Bier wurde zum Volksgetränk und Kleinvögel zum häufigsten Fleischgericht. Gleichzeitig rächten sich die Waldrodungen, die dem Großwild das Ende bereitet hatten und die Jagd auf Kleinvögel notwendig machten. Ihre Spuren hinterließen die Vogelfänger in der Musik, in der Figur des Papageno in Mozarts Oper "Die Zauberflöte".

 

Mit Blick auf die Gegenwart meint der Autor, dass die aktuellen Temperaturen im Vergleich zum Durchschnitt des letzten Jahrtausends noch nicht im oberen Bereich liegen. Außerdem war das Klima nie wirklich „stabil“, was es wiederum schwierig macht, einen „richtigen Zustand“ festzulegen, in dem das Klima „in Ordnung“ ist. Allerdings sieht er die bis vor kurzem währende Klimavergessenheit in einer wohltemperierten Umwelt als Ausläufer des warmzeitlichen Hochgefühls. Wolle man nun aber Änderungen des Klimas bewerten, müsse man sich an Zeitskalen orientieren, die für die Abläufe in der Natur relevant sind – und dafür sind einige Jahrzehnte zu kurz gegriffen. Anders sehen dies inzwischen die Klimaforscher, wie die nächste Rezension zeigt. A. A.

 

Reichholf, Josef H: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2007. 336 S., € 19,90 [D],  [A], sFr

 

ISBN 978-3-10-06294-5