Die Lage ist dramatisch und auch die Gründe für diese Entwicklung sind in den Wohlstandsländern weitgehend dieselben. Die Geburtenraten gehen zurück und man fragt sich, warum wir noch nicht ausgestorben sind. Wie wenig aber das Bild der „Katastrophe“ den wahren Charakter demografischer Entwicklung abbildet, versucht der vorliegende Essay des Zeitgeschichtlers Thomas Etzemüller zu ergründen. Dabei versucht er, die Techniken des Sichtbarmachens und deren gesellschaftliche Effekte sowie die grundlegenden Strukturmerkmale des Bevölkerungsdiskurses zu beschreiben. Anders als Hondrich bleibt er aber der historischen Diskursanalyse verhaftet, obwohl er im letzten Kapitel – einer polemischen Abrechnung mit dem deutschen Bevölkerungsdiskurs der letzten Jahrzehnte – zeigt, dass sich dieser ohnehin immer wieder neu reproduziere. Diesbezüglich schielt Etzemüller etwas neidisch auf Schweden, wo es bis vor wenigen Jahren dieselben Untergangsszenarien gab wie hierzulande. „Seit der Jahrtausendwende scheinen sie vergessen. Das Volk wächst, die Geburten steigen und die Alten gelten plötzlich als „jung“.“ (S. 16)

 

Wir wollen uns aber nicht so sehr auf die historische Ebene einlassen, sondern vielmehr deren Implikationen für die Zukunft nachspüren. Lautet die Conclusio etwa gar, dass wir ohnehin verloren sind und daher machen (oder lassen) können, was wir wollen, zumal uns einmal die Bevölkerungsexplosion, ein andermal der Geburtenrückgang den Untergang beschert? Aber genau dieser lässt auf sich warten. „Es spricht nichts dafür, dass die Demografie unsere Wohlstandsgesellschaft unmittelbar bedroht.“ (S. 150) Die Bevölkerung ist stetig gewachsen und verteilt sich anders im Raum, sie vergreist nicht, sondern ändert ihre Altersstruktur.

 

Etzemüller hinterfragt schließlich den Maßstab für Über- und Untervölkerung und meint, dazu müsste man erst wissen, was eine optimale Bevölkerungsgröße sei. Genau diese Grundkoordinaten finden sein besonderes Missfallen, insbesondere irritierend seien die Unklarheiten und willkürlichen Grenzziehungen, die auf einen harmonischen Ideal- bzw. Normalzustand Bezug nehmen, den es eben nicht gibt (vgl. S. 155).

 

Mit Blick auf Schweden fragt sich der Autor, ob dort Bevölkerungsgröße und Geburtenziffer keine Rolle mehr spielen, wie dies auch Hondrich betont. Fest steht allemal, dass sich in Deutschland Demographie als schlagkräftiges Argument einsetzen lässt um die Reform des Sozialstaates anzumahnen oder mentale Dispositionen etwa gegenüber „Alten“ einfordern. Etzemüller weist abschließend auf die verborgene Kraft des Diskurses (regulierend, normalisierend) hin, die aber wohl, wie wir in den vorangegangenen Rezensionen gesehen haben, überschätzt wird. Insofern hilft uns die Diskursanalyse nur bedingt weiter, und so halten wir es eher mit jenen, die den demografischen Wandel in allen gesellschaftlichen Bereichen konkret gestalten und in Projekten lebendig werden lassen wollen. A. A.

 

Etzemüller, Thomas: Ein ewigwährender Untergang. Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert. Bielefeld: transcript, 2007. 215 S. (XTEXTE) € 22,80 [D], 23,50 [A] , sFr  38,40

 

ISBN 978-3-89942-397-6