Die Vorschläge zur Gestaltung der Globalisierung mit dem Ziel, die Welt auf den Pfad einer nachhaltigeren Entwicklung zu führen, mehren sich. Dem Club of Rome-Bericht für eine nachhaltige Finanzarchitektur („Wie wir wirtschaften werden“, 2003) folgten Konzepte wie der „Global Marshall Plan“ zur Erreichung der UN-Millenniumsziele („Welt in Balance“, 2004) oder der Wuppertal-Report „Fair Future“ (2005), der in der Fortführung des Umweltraumansatzes Ökologie mit Gerechtigkeit verbindet. Die soeben veröffentlichte „Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung“ setzt da noch eins drauf: Vorgelegt wird ein – wie der Titel bereits andeutet – umfassender Vorschlagskatalog, der von einer neuen Weltwirtschaftsverfassung über ein globales Ressourcenmanagement bis hin zu konkreten Nord-Süd-Verträgen (etwa Bildungs- und Gesundheitsförderung als Gegenleistung für eine akkordierte und geordnete Migrationspolitik) reicht. Geboten werden aber auch – und das macht das Konzept spannend – Strategien für die reichen Ländern, die Auswege aus den Wachstumszwängen weisen.

 

Es sei unverantwortlich, sich durch „bieder angepasste und kosmetische Kurskorrekturen“ blenden zu lassen, so die Autoren Herbert Rauch und Alfred Strigl, denn die Hauptprobleme lägen in der „systembedingten Überlastung des Ökologischen und des Sozialen“. Eine erneute beschleunigte „Zuspitzung im Drama der menschlichen Geschichte“ – wie etwa 1914 und 1938 – sei nicht auszuschließen, die „Wende der Titanic“, so der verweisende Titel, jedoch möglich, sind die Leiter der Organisation “European Sustainable Development“ überzeugt.

 

Nötig ist nach Überzeugung der Autoren ein gewaltfreier, durch Reflexion hergestellter Systemwandel, der alle (Macht)Akteure involviert und zum Teil der Veränderung macht. Den Ausgangspunkt bilden vier Paradigmenwechsel: (1) „Verfeinerung“ der Produktions- und Konsumtionssphäre statt bedenkenloser Expansion; (2) „Erdung“ statt blinder Fortschrittsgläubigkeit, (3) „Globalsolidarität“ statt Vorherrschaft durch Waffen- und Marktmächte, schließlich (4) „Aktivverantwortung“ als persönliches Eintreten aller für das Leben statt Verdrängung und Apathie.

 

Die darauf basierenden Veränderungsvorschläge erstrecken sich auf sieben Bereiche: Welt-Wirtschaftsverfassung; Gesellschafts- und Bürgerpolitik; Familien-, Gesundheits- und Bildungspolitik; Nord-Süd-Kooperation zur Zukunftssicherung; Globales Naturbewahrungs- bzw. –regenerierungsprogramm; Zukunftsfähige Konfliktkultur; Welt-Regierbarkeit. Unter den Ideen findet man bereits Bekanntes wie eine stärkere (globale) Vermögensbesteuerung,  eine Stärkung internationaler Organisationen oder die Etablierung von Zukunftsräten, aber auch Neues und auf den ersten Blick vielleicht schwer Umsetzbares wie Verbrauchsteuern auf globale Güter (Luftraum, Meere) zur Finanzierung eines „Global Fund for Nature“, die Etablierung einer neuen, durch die verfügbaren Naturressourcen gedeckten globalen Leitwährung, die ergänzt wird um viele nationale und regionale Währungen, oder gar die globale Kontingentierung von Ressourcen (JedeR bekommt eine Art Ressourcenkonto gutgeschrieben). Die institutionalisierte Verankerung von NGOs in der Politik(beratung), die Einführung eines mehrjährigen „(Welt-)Bürgerdienstes“ oder die Cofinanzierung von regional angepasster Wirtschaftsentwicklung in Verbindung mit „Fine Tech“ in den Ländern des Südens sind Beispiele, die eine vertiefende Diskussion verdienen.

 

Die unterbreiteten Strategien sind in vielem wohl auf ihre konkreten Umsetzungsperspektiven zu „checken“, der Band macht aber einmal mehr deutlich, dass es Alternativen der Umsteuerung gibt – global und vor Ort.  Vorschläge, die freilich auch Begrenzungen fordern, die aber die Lebensqualität aller erhöhen würden. H. H.

 

Rauch, Herbert; Strigl, Alfred: Die Wende der Titanic. Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung. München: ökom-Verlag, 2005. 320 S. € 20,- [D], € 21,40 [A], sFr 35,20

 

ISBN 3-86581-005-5