Der „neue Kapitalismus“ bedeutet weit mehr als nur die Globalisierung der Märkte, die Beschleunigung von Information, Produktionszyklen oder Transportwegen. Die Dynamisierung der Ökonomie, so Richard Sennett, hat vielmehr die grundlegende  Veränderung von Institutionen und, damit einhergehend, die Verunsicherung der Menschen sowie das Versagen der Politik zur Folge.

 

Im einleitenden Kapitel widmet sich der an der London School of Economics in London lehrende Soziologe den Grundzügen der Bürokratie und den Prinzipien des sozialen Kapitalismus. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts waren beide nach militärischen Prinzipien organisiert, boten dem Individuum zwar vergleichsweise wenig Freiheit, aber doch einen verlässlichen „Rahmen für die mit anderen Menschen verbrachte Lebenszeit“. Die sinnstiftenden Strukturen ökonomischer und staatlicher Ordnung gerieten, so Sennett, im Verlauf des 20. Jahrhunderts von drei Seiten unter Druck: Der Machtwechsel von Managern zu Anteilseignern, deren Wunsch nach Profitmaximierung in kürzester Zeit sowie der Einsatz neuer Fertigungs- und Kommunikationstechnologien führen zum „Verdorren des Sozialen“. Die Flexibilisierung der Belegschaften – in den USA und Großbritannien entfallen bereits acht Prozent aller Arbeitsverhältnisse auf Zeitarbeit –, die Abflachung der Hierarchien und nichtlineare Abläufe in Unternehmen erhöhen den Leistungsdruck, führen zu Stress und innerbetrieblicher Ungleichheit. Sennett, der seine Analyse mit einer Fülle von Beispielen aus langjähriger Beraterpraxis stützt, verweist schließlich auf drei mit dieser Entwicklung einhergehende soziale Defizite, die Arbeitsverhältnisse heute in der Regel prägen: die Abnahme der Loyalität gegenüber dem Unternehmen, die Schwächung des informellen Vertrauens der Beschäftigten und die Verringerung des spezifischen Wissens der Institutionen.

 

Das weltweite Angebot billiger Arbeitskräfte, die Automatisierung sowie der Umgang mit dem Alter, so Sennett im zweiten Abschnitt, lassen in den alten Industriestaaten zunehmend das „Gespenst der Nutzlosigkeit“ umgehen. Denn die Erfolgsgaranten des sozialen Kapitalismus – Talent, Meritokratie und „handwerkliche Einstellung“ („Etwas um seiner selbst willen gut machen“) – verlieren an Bedeutung. Da von Seiten des Staates die Eigeninitiative – als Chance auf Freiheit gepriesen – propagiert, und zugleich immer weniger für die wachsende Zahl der Bedürftigen geleistet werde, stelle sich die Frage, was der Einzelne tun solle, wenn er „nicht mehr gebraucht werde“.

 

Von der Politik in ihrer aktuellen Verfasstheit, so Sennett im dritten Teil seiner hier Neuland vermessenden Analyse, sind Kurskorrekturen bis auf Weiteres nicht zu erwarten, da diese sich, dem Bespiel der globalisierten Ökonomie folgend, der Vermittlung von „Marken“ und „Potenz“ verschrieben hat. In ihren zentralen Anliegen bzw. Zielen weitestgehend austauschbar, ziele Politik immer weniger auf die langfristige Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse, sondern bediene in erster Linie kurzfristig stimulierte „Konsumleidenschaft“. Das Theater, so die provokante und überzeugende These von Richard Sennett, ist die Bühne, auf der sich Ökonomie und Politik gemeinsam tummeln, um „Leidenschaft zu wecken, die sich selbst verbrennt“. (S. 111) Nicht Aufklärung oder gesellschaftliche Teilhabe sind Ziel dieser Inszenierung. Politik habe vielmehr den „Konsumenten-Zuschauer-Bürger“ im Blick und wünsche sich vor allem von diesem „permanente Passivität“.

 

Ist dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Sehr wohl, meint Sennett. Zur Wiederbelebung eines Sozialen Kapitalismus setzt er vor allem auf Kultur als Instrument des Wandels, denn Kultur könnte in einer zunehmend beschleunigten und fragmentierten Gesellschaft „einen mentalen und emotionalen Anker“ bieten (S. 145). Zur Rückgewinnung des „Lebensgeschichtlichen Zusammenhangs“ wären „parallelgewerkschaftliche Initiativen ebenso geeignet wie Jobsharing, die Umsetzung eines Grundeinkommens oder Grundkapitals. All das sind freilich keine neuen, aber zunehmend breit diskutierte Vorschläge zur Wiederentdeckung eines (öko)sozialen Wirtschaftsmodells. Richard Sennetts Befund besticht durch analytische Klarheit, persönliches Engagement und allgemein verständliche Darstellung. W. Sp.

 

Sennett, Richard: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin-Verl., 2005. 160 S., € 18,- [D], 18,54 [A], sFr 31,50

 

ISBN 3-8270-0600-7