Die Strukturen der modernen Lebensmittelindustrie – vom Reich der chemischen Zusatzstoffe über das Geschäft mit der Gesundheit bis hin zur zunehmenden wirtschaftlichen Konzentration auf wenige Hersteller und Handelsketten – beleuchten Marita Vollborn und Vlad D. Georgescu in ihrem Buch „Die Joghurtlüge“. Der Titel ihrer bestens recherchierten und packend geschriebenen Reportage verkürzt den Inhalt des Buches freilich und lässt ein an sich sehr sinnvolles Lebensmittel etwas zu Unrecht zum Handkuss kommen. Das Joghurt, gemeint sind speziell jene als Vitalitätsknüller vermarkteten Gesundheitsjoghurts wie Actimel u. a. – steht als Beispiel für das beinharte Marketing in der heiß umkämpften Lebensmittelbranche, das uns allerlei einredet und dabei unsere Autonomie und Eigenkompetenz in Ernährungsfragen korrumpiert. Ein im Buch zitiertes gebrachtes Beispiel: In Frankreich haben vor kurzem zwei Joghurthersteller Abkommen mit Krankenversicherern abgeschlossen, denen gemäß der Erwerb bestimmter Functional Food-Joghurts mit Kostenrückerstattungen belohnt wird.

 

Das Expertenduo – Vollborn war als Lebensmitteltechnologin selbst in einem internationalen Konzern tätig, ihr Kollege ist Lebensmittelchemiker – greift heiße Eisen der Lebensmittelindustrie auf: Functional Food, Farb-, Geschmacks- und Süßstoffe, BSE, Pestizideinsatz, Genfood (das abgelehnt wird) u. .a. m. Man erfährt viel über Markt- und Machtspiele in der Branche, die allein in Deutschland jährlich 130 Mrd. Euro umsetzt und pro Jahr etwa 2000 neue Produkte auf den Markt bringt, von denen freilich viele rasch wieder verschwinden. „Wer den Markt bestimmt, bestimmt den Preis“ – so die Quintessenz der Konzentrationsprozesse mit allen problematischen Folgen für die Landwirte. Brisant sind nicht zuletzt die abschließend vorgerechneten gesellschaftlichen Folgen des Verlusts der Ernährungskompetenz – von „verengten Blutgefäßen“, „Bierbauchsyndrom“ und „schwergewichtigen Schäden für die Volkswirtschaft“ ist dabei die Rede. So kostet allein in Deutschland die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten mittlerweile 71 Mrd. Euro im Jahr. Mit Ratschlägen halten sich die Medizinjournalisten, die für Spiegel, Focus, Süddeutsche u. a. arbeiten, jedoch bewusst zurück. Ihr Credo: „Unser Buch will die Mechanismen der Industrie offen legen und den Einblick ins Eingemachte erlauben – am Ende wird jeder Leser für sich entscheiden können, was er in Zukunft glauben und vor allem essen kann.“ (S. 13) H. H.

 

Vollborn, Marita; Georgescu, Vlad D.: Die Joghurt-Lüge. Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie. Frankfurt: Campus, 2006. 336 S. € 19,90 [D], € 21,30 [A] sFr 34,90 ISBN 978-3-593-37958-6

 

Zum Thema vgl. auch das Buch zum gleichnamigen Film:

 

Erwin Wagenhofer, Max Annas: We feed the World. Was uns das Essen wirklich kostet. Freiburg: Orange Press, 191 S. € 20,- [D], € 21,40 [A], sFr 34,60 ISBN 978-3-936086-26-3

 

Links zum Film.

 

www.essen-global.de

www.nabu.de/m01/m01_02/04943.html

 

http://de.wikipedia.org/wiki/We_Feed_the_World