Deutschland – eine gespaltene Gesellschaft

Ausgabe: 2007 | 2

Die politisch und gesellschaftlich, aber auch sozialwissenschaftlich produzierte Idee einer Einheit ´der´ deutschen Gesellschaft sei zur Illusion geworden, so auch die zentrale These dieses Bandes. Die Lektüre der Beiträge zeigt das „mosaikartige Bild von Deutschland als einer Gesellschaft, die ´Einheit´ allenfalls in der Vielzahl ihrer politischen und kulturellen, materiellen und symbolischen Spaltungen und Abspaltungen findet“ (S. 8) Das „soziale (Selbst-)-Bild“ der alle inkludierenden Aufsteigergesellschaft gehört der Vergangenheit an. „Zukunft, das meint heute: ein Weniger an Sicherheit, ein Mehr an `Eigenverantwortung´, ein Mehr an Wettbewerb, ein Weniger an `Wohlstand für alle´“, so die Herausgeber Stephan Lessenich und Frank Nullmeier. Sie sprechen von drei „Sozialfiguren der Abspaltung“: den Überflüssigen, den Abweichenden und den Unsichtbaren. Viele der Betroffenen finden sich in allen drei Kategorien wieder. Befürchtet wird eine „Vervielfältigung der Konfliktlinien und Spaltungen“ (S. 17), Deutschland sei auf dem Weg „zu einer Konkurrenzgesellschaft“ (S. 19), in der „jede Lage, jede Gruppe ihr Heil und Wohl in kompetitiver Entgegensetzung zu anderen Lagen und Gruppen sucht und suchen muss“ (S. 17). Nach der Devise: Junge gegen Alte, Arbeitende gegen Arbeitslose, Männer gegen Frauen, Eltern gegen Kinderlose, Gebildete gegen Ungebildete, natürlich auch: Reiche gegen Arme.

 

Siebzehn derartige Gegensätze bzw. Konfliktlinien werden in diesem Band dargelegt, wobei neben brisantem empirischen Material etwa zu „Arm – Reich“ oder „Kapital – Arbeit“ immer auch soziologische Analysen geleistet werden. So wird etwa deutlich, dass es die sozialen Bildungsschranken noch immer gibt (Kinder aus sozial niedrigeren Schichten haben bei gleichen kognitiven Fähigkeiten eine bedeutend geringere Chance ins Gymnasium zu gehen). Zugleich ist Bildungsarmut zum größten Risiko auch ökonomischer Armut geworden ist (die Arbeitslosenquote von Personen ohne abgeschlossene Beraufsausbildung ist seit 1975 absolut von sechs auf zwanzig Prozent angestiegen). Jeder zehnte Jugendliche verlässt die Schule ohne Hauptschulabschluss, jeder siebte junge Erwachsene kann keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen). Detail am Rande: Männer ohne Beraufsausbildung sind nicht nur am Arbeitsmarkt die großen Verlierer, sondern auch am „Heiratsmarkt“.

 

Gravierend sind auch die demografischen Verschiebungen, der beschworene „Generationenkonflikt“ lenke aber häufig von der ökonomischen Spaltung zwischen Arm und Reich ab, so ist dem Beitrag von Martin Kohli zu entnehmen, der auch auf die großen Solidarleistungen innerhalb von Familien verweist. Auch wäre es verkehrt, die Feindschaft zwischen Eltern und Kinderlosen zu schüren (Klaus Leggewie berichtet von „Kampfeltern“, die einer „No Kidding“-Bewegung gegenüberstehen), vielmehr müsse ein „ermunternder Staat“ jungen Erwachsenen attraktive Handlungsoptionen für Elternschaft verschaffen. Ernüchternd zu lesen sind die Beiträge über Arbeit, „fest gefügte Arbeitsbiographien“ gehören demnach der Vergangenheit an, wir täten gut daran, uns an die „Idee der Vielberuflichkeit“ zu gewöhnen: „Die Zukunft der Arbeit gehört dem Reich der Beschäftigungs- und Zwischenformen, und die neue Normalität am Arbeitsmarkt wird die unsichere und turbulente Erwerbsbiographie mit höchst unterschiedlichen Arbeitslosigkeitsphasen sein.“ (Wolfgang Bonss, S. 72)

 

Auch dieser Band zeichnet die auseinander gehende ökonomische Schere in Deutschland nach. Mehrfach wird für eine Neujustierung der sozialen Sicherung sowie für Umverteilung plädiert. Interessant zu lesen sind aber auch weitere Polarisierungen, etwa der Gegensatz zwischen Stadt und Land, der eigentlich von einem zwischen Städten und Stadtvierteln (Hartmut Häußermann) abgelöst worden sei, oder jener zwischen Deutschen und Ausländern, Gläubigen und Ungläubigen (Heinz Bude prognostiziert eine neue Politisierung der Religionen), jener zwischen „Beweglich und Unbeweglich“, „Gewinnern und Verlierern“. Konstatiert wird auch eine neue Polarität zwischen Elite und Masse („Die wachsende Beliebtheit des Elitebegriffs ist nicht nur ein Indiz für die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, sie fördert diesen Prozess auch.“ Michael Hartmann, S. 203), „Links und Rechts“ (Frank Nullmeier warnt vor neuen Populismen sowie einem „Extremismus der Mitte“) und – neben „Ost und West“ – auch zwischen „Nord und Süd“ (K. F. Bohler und B. Hildenbrand stellen darin die These auf, dass die südlichen Bundesländer (etwa Bayern, Baden-Württemberg, Hessen) gegenüber den nördlichen Bundesländern strukturelle Vorteile aufwiesen, die von der kleinräumigen Gemeindegliederung („Strukturmuster demokratischer Selbstorganisation“) bis zur stärkeren Familienorientierung in der Kindererziehung reiche.

 

In Summe ein wichtiger und zugleich warnender Band über den aktuellen Zustand der deutschen Gesellschaft, der auf mögliche Zukunftsgefahren hinweist ohne Anspruch, selbst zu allem Lösungsvorschläge zu unterbreiten (was ja nicht Aufgabe der Soziologie ist). H. H.

 

Deutschland – eine gespaltene Gesellschaft. Hrsg. v. Stephan Lessenich ... Frankfurt (u.a.): Campus, 2006. 373 S. ISBN 978-3-593-38190-9