Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Ausgabe: 2005 | 4

Der Kapitalismus in gegenwärtiger Form, so Elmar Altvater in Übereinstimmung mit dem französischen Historiker Fernand Brudel, stellt nicht das „Ende der Geschichte“ dar. Auch wenn er, anders als der „reale Sozialismus“ nicht zusammenbricht, so ist er doch zu verändern. Eine „Revolution“ sei jedoch nur zu erwarten, wenn „äußere Anstöße von extremer Heftigkeit“ und „glaubwürdige Alternativen im Inneren“ zusammenwirken, um die ökologisch und sozial zerstörerische Dynamik des neoliberalen Marktes zu überwinden. Dieser beruht, so Altvater in diesem umfangreichen „Essay“, auf der „Dreifaltigkeit“ von europäischer Rationalität der Weltbeherrschung, der fortschreitenden „Entbettung“ des Marktes aus gesellschaftlichen Zusammenhängen und der (zur Neige gehenden) Verfügbarkeit über fossile Energieträger.

 

Die Vorzüge des Bandes liegen zweifelsfrei in der profunden Analyse und Kritik der gegenwärtigen Ökonomie. Ausgehend von der historischen Entwicklung des Kapitalismus, macht Altvater unter anderem auf die quasi-religöse Ausformung des Transformationsprozesses von einer Mehrwert-orientierten Produktionsweise hin zu einem „finanzgetriebenen Akkumulationsregime“ aufmerksam. Vor allem drei Faktoren, so der Verfasser, deuteten darauf hin, dass der „Kapitalismus, wie wir ihn kennen“, zunehmend „außer Form gerät“. 1.) führt die Erwartung von (einzig spekulativ zu erwirtschaftenden) Renditen von mehr als 20 Prozent zur Entkopplung von der realen Wertschöpfung; 2.) stößt der Fetisch permanenten Wachstums immer deutlicher an ökologische Grenzen und 3.) ist das absehbare Ende des „Ölzeitalters“ jenes untrügerische Anzeichen eines „externen Schocks von extremer Heftigkeit“, der eine Überwindung des gegenwärtigen Modells der Globalisierung bedeutet.

 

Als „glaubwürdige Alternativen im Inneren der Gesellschaft“ macht Altvater die Zunahme von globaler Solidarität und ökologischer Nachhaltigkeit aus. Beide seien Wegbereiter einer „sozialen Revolution“, die freilich nicht als Putsch, sondern als „ein über lange Zeitstrecken andauernder iterativer Prozess vieler sozialer Experimente“ (S. 177) verstanden werden müsse. Gegründet auf vier Handlungslogiken (Äquivalenz, Reziprozität, Redistribution und Solidarität) könne eine solare und solidarische Ökonomie zur Überwindung der neoliberalen Doktrin führen. Nicht zuletzt die Entwicklung des Non-Profit-Sektors – mit gegenwärtig rund 39,5 Mio. Menschen in den Ländern der OECD hat er im Zeitraum 1990 – 1995 um 23 Prozent zugenommen (S. 203f.) – sieht der Autor als starkes Indiz dafür, dass die „Wiederaneignung von Raum und Zeit durch soziale Bewegungen“ in vollem Gange ist. W. Sp.

 

Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2005. 240 S., € 14,90 [D], 15,30 [A], sFr 26,10

 

ISBN 3-89691-627-0