Berater-Kapitalismus oder Wissensgesellschaft

Ausgabe: 2005 | 4

Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, so die Ausgangsthese von Christine Resch, hat die Produktionsverhältnisse des Kapitalismus ebenso verändert wie die Produktivkräfte. Waren in der fordistisch geprägten Ära der Massenproduktion noch die Eigentümer tonangebend, so leiteten in der ersten Phase der Wissensgesellschaft vor allem Manager die Geschicke von Unternehmen. In der neoliberalistisch geprägten, zweiten Phase der Wissensgesellschaft seien die „Berater“ zu mit bestimmenden Akteuren geworden. Aus dieser aufschlussreichen Perspektive wird Globalisierung lesbar als „Pakt der gebildeten Schicht mit den Repräsentanten der Macht“, der (worauf auf R. Sennett aufmerksam macht, s. oben Nr. xy) u. a. zur Abwertung von Handarbeit führt und „von unten“ vor allem als Verschärfung von Konkurrenz und Unsicherheit empfunden wird.

 

Die Autorin, die mit dieser Arbeit eine gleichermaßen theoretisch fundierte wie empirisch gut abgesicherte Kritik des Berater-Kapitalismus vorlegt, macht vier Tendenzen für den aktuellen Boom von Beratung in Wirtschaft und Politik aus: 1.) die Privatisierung, 2.) den Markt, auf dem Unternehmen gehandelt werden, 3.) die Börsenorientierung der Konzerne und 4.) eine „erweiterte Kulturindustrie“, die Wissen (nur noch) als Ware begreift.

 

In diesem Umfeld, so die Autorin, tummeln sich Berater mit oft zweifelhafter Kompetenz als „Diener zweier Herren“, indem sie den Interessen ihrer Firma und „König Kunde“ zu bedienen haben. Ein Blick in die Image-Broschüren von Unternehmensberatern macht u. a. deutlich, mit welchen Mitteln der Erfolg gesucht wird: Panikmache (vor Globalisierung und Beschleunigung), der Verweis auf Seriosität, Neutralität und Objektivität, das Pochen auf Erfahrung und nicht zuletzt das Versprechen der Umwegrentabilität (meist nur durch die Entlassung von Arbeitnehmern zu erreichen), zielt auf die „Vermarktung von Wissen“. Berater, so ein weiterer interessanter Befund, werden nur selten aber nur selten aus objektiv nachvollziehbaren Gründen von Seiten der Unternehmen beauftragt. Vielmehr bringen sie sich ins Geschäft, indem sie als „Problem- und Angstmacher“, als „Verkörperung der Weltmarktvernunft“ auftreten oder aber von Managern vor allem dann hinzugezogen werden, wenn es diesen darum geht, persönliche Karriere-Interessen zu verfolgen oder „endlich einmal diesem trägen Haufen [der Arbeitnehmer]  Beine (zu) machen“ (S. 181). Dies verweise, so Resch, auf Irrationalität und Psychologie als mit bestimmende Faktoren der Ökonomie. Nicht zuletzt die Medien spielen in diesem Klima der Angst- und Hoffnungsmache eine entscheidende Rolle.

 

Schließlich sei es auch mit dem strapazierten Dogma neoliberaler Politik nicht weit her ist, wenn diese zwar den Abbau bürokratischer Strukturen propagiert, sich selbst aber der Zunft der Berater exzessiv  bedient. Hier werde nach Devise „Bürokratie ist schlecht, mehr davon ist besser“ agiert. Diese Strategie der Privatisierung von Beratung  habe, so Resch, den Verlust an fachlicher Qualität und die Erosion demokratischer Legitimation zur Folge und bedeute mithin nicht weniger als die „Entpolitisierung der Politik“ zur Folge. Ein Befund, dem aufmerksame Beobachter des auch an dieser Stelle mit Skepsis konstatierten „Politik-Theaters“ wohl werden zustimmen können. Wir sind, so die Autorin in Übereinstimmung mit André Gorz, von der Wissensgesellschaft – verstanden als Möglichkeit der selbst bestimmten Entfaltung „Produktivkräfte“ des Einzelnen sehr weit entfernt. Denn genau betrachtet wäre dies ja ein anti-kapitalistisches Gesellschaftsmodell. Ein kritischer Befund, dem breite Resonanz zu wüschen ist. W. Sp.

 

Resch, Christine: Berater-Kapitalismus oder Wissensgesellschaft. Zur Kritik der neoliberalen Produktionsweise. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2005. 324 S. €  24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,60

 

ISBN 3-89691-617-3