Die Zahl der Erkrankungen durch Lebensmittel sei statistisch schwer zu erfassen, doch die Entwicklung sei dramatisch, so Hans Ulrich Grimm in diesem gut recherchiertem Buch über die gesundheitlichen Folgen unserer industrialisierten Ernährungsweise. Während in den 60er Jahren Salmonellen und ähnliche Erreger kaum eine Rolle gespielt hätten, würden in der BRD nun bereits jährlich über 200.000 Erkrankungen gemeldet. Eine britische Regierungsstudie habe 9,5 Millionen Lebensmittelvergiftungen allein in Großbritannien ausgemacht. In den USA beliefen sich laut einem aktuellen Kongressbericht die Kosten für lebensmittelbedingte Erkrankungen auf 22 Milliarden Dollar jährlich, so weitere beklemmende Fakten des  ehemaligen Spiegeljournalisten. Aber auch in Europa nähmen die finanziellen Schäden durch Lebensmittelskandale stark zu. Im Juni 1999, als dioxinverseuchte Lebensmittel in Belgien aufgeflogen waren, sei – so Grimm ‑ durch die Rückruf- und Vernichtungsaktionen für Eier, Fleisch und andere Produkte unter Giftverdacht binnen weniger Tage ein „Verlust in Milliardenhöhe“ entstanden.

 

Der Ernährungsspezialist („Die Suppe lügt“, 1998; „Der Bio-Bluff“, 1999) berichtet in seinem Buch, das sich wie ein Lebensmittelkrimi liest, über neue Killerbakterien, die vermehrt in Hamburgern, aber auch anderen Lebensmitteln gefunden wurden, ebenso wie über Hormone im Essen, die dort nichts zu suchen hätten sowie über Skandale in Kantinen und Großküchen. Er schildert den massiven Chemieeinsatz in der industriellen Landwirtschaft und dessen Folgen für die KonsumentInnen der Lebensmittel wie deren Erzeuger. Er problematisiert die Zunahme der Transportwege, die immer neuere Konservierungsstoffe erforderten, sowie die Massentierhaltung einschließlich deren bedenklicher Tierfuttermischungen (z.B. Antibiotika, die noch immer nicht zur Gänze verboten sind). Selbstverständlich fehlt nicht ein Kapitel über die ungeklärten Risiken gentechnischer Versuche an Pflanzen.

 

Der Autor, der von sich behauptet, nur mehr selber zu kochen und dabei natürlich auch Fertigkost strikt ablehnt, macht in den zunehmend undurchschaubarer gewordenen Lebensmittelketten im Zuge des industrialisierten Ernährungssystems eines der Hauptprobleme aus, sodass die Verursacher von Infektionen oder anderen Lebensmittelerkrankungen häufig gar nicht mehr eruiert werden könnten. Die Globalisierung der Lebensmittelversorgung habe auch dazu geführt, dass – was überraschen mag – Phänomene wie Fettleibigkeit oder Diabetes längst auch ein Problem in den Ländern des Südens sei, wie die Weltgesundheitsbehörde warne. Grimms Gegenrezept lautet daher, den vorgefertigten „Kram einfach liegen zu lassen“ und wieder nach italienischer Tradition am Markt sowie im Feinkostladen einzukaufen: „Denn Essen ist ja etwas Schönes“. H. H.

 

Grimm, Hans Ulrich: Aus Teufels Küche. Die neuen Risiken beim Essen. Stuttgart: Klett-Cotta, 1999. 302 S. DM / sFr / öS 291,-